Es kracht im Gebälk der Weltwirtschaft. Die Wachstumswarnung aus China. Die nach unten revidierte deutsche Steuerplanung. Der Dauerzoff mit Amerika um fairen Handel. Italiens geradezu lustvolles Bad-Boy-Verhalten gegen die Regeln des Euro-Verbunds. Es gibt Gründe, sich zu gruseln. Viele Börsianer tun das auch, was wiederum die Kurse belastet.

"Der Utopist sieht das Paradies, der Realist das Paradies plus Schlange", schrieb der deutsche Dramatiker Friedrich Hebbel im 19. Jahrhundert. Insofern kehrt gerade der Realismus in die Wirtschaft zurück. Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht, weil die Finanzwelt längst wieder im großen Stil zockt und dabei das Risiko aus dem Blick verliert. An der Wall Street etwa ziehen Investmentexperten ein ähnliches Geschäft mit Unternehmensanleihen auf, wie sie es vor der großen Finanzkrise mit Hypothekenkrediten betrieben. Außerdem führt der Niedrigzins gerade in Europa dazu, dass kaum mehr zwischen relativ sicheren und riskanten Firmenanleihen unterschieden wird. Banken mögen Kredite noch vorsichtig vergeben, Geldanleger im Allgemeinen sind auf der Suche nach Renditemöglichkeiten nur als verwegen zu bezeichnen.

Da kann es nicht schaden, wenn die Anleger und die Experten auch wieder die Schlange in den Blick nehmen: überzogene Kreditlinien rund um den Planeten. Doch diese Schlange hat noch einen zweiten Kopf, und der macht jede Krise höchst gefährlich.

Gerade in Europa ist es bisher nicht gelungen, wieder Zinsen als Risikopreis der Wirtschaft zu etablieren. Die Europäische Zentralbank zahlt keinen Zins und verlangt von Banken für deren Einlagen sogar einen Strafzoll von 0,4 Prozent im Jahr. Und sie kauft bis Ende des Jahres immer noch monatlich Anleihen hinzu, damit Geld billig bleibt. Sie benimmt sich, als stehe der Aufschwung in Europa erst noch bevor.

Kommt nun schneller als erwartet ein wirtschaftlicher Einbruch, kann die Zentralbank nicht wie sonst gewohnt die Zinsen senken, um die Wirtschaft durch günstige Kredite zu stützen. Sie hat ja keinen Zins mehr, der sich senken ließe. Stattdessen würde sie Europa mit noch mehr frischem Geld fluten, und der Zins würde für lange Zeit erlöschen.