Videosportkurse

Das Schlimmste an Sport ist nicht das Schwitzen oder der Muskelkater. Das Schlimmste an Sport ist die Angst vor dem Versagen. Zumindest für mich. Früher habe ich Yoga gemacht. Dann bin ich bei einem Adho-Mukha-Vrikshasana auf die Frau neben mir gekippt. Adho-Mukha-Vrikshasana ist nichts als ein stinknormaler Handstand. Und den sollte man können in einem Medium-Kurs. Meine Yogalehrerin war jedenfalls empört. Für sie war mein Fall kein Zeichen mangelnder Oberarmmuskeln, sondern er bewies meine generelle Lustlosigkeit. Ich hatte offenbar nicht geübt. "Wenn man keine Ziele hat", sagte sie, "dann sollte man kein Yoga machen." Ich hatte leider nie Ziele, was Bewegung betrifft. Ich hatte mich nur angemeldet, weil ich nicht mit 50 an einem Hexenschuss sterben wollte.

Inzwischen habe ich das Bewegungsproblem anders gelöst. Ich vermeide jede Art von Sportlehrer, so gut es eben geht – und vertraue deshalb auf Video-Trainer.

In dem Raum, in dem ich mich nun regelmäßig bewege, liegen ein paar Matten, ein paar Gewichte, und es sind auch immer ein paar Leute da, den Blick auf eine Leinwand gerichtet. Von dieser Leinwand, etwa vier mal drei Meter breit, schaut zum Beispiel Anja Garcia herunter, Trainerin für "Booty-Booster", also Po-Gymnastik. Garcias Körper ist voller Muskeln, ihr Gesicht voller Grinsen. Sie empfängt mich am Santa Monica Pier, Kalifornien. "Was für ein wunderschöner Ort", sagt sie, ihr Englisch könnte amerikanischer nicht klingen. "Ich bin so stolz darauf, dass ich hier zu Hause bin!" Sie meint damit Santa Monica, nicht den Fitnessraum in München-Giesing. Dann macht sie Übungen vor, im Hintergrund läuft Elektro-Musik, sehr laut und sehr schnell, und die Lichter am Riesenrad des Santa Monica Pier blinken im Rhythmus.

Inzwischen habe ich dieses Video wahrscheinlich 50-mal gesehen. Ich bin dem Format verfallen. Mein "Iron Bars"-Trainer trifft mich auf einer Ranch in Texas, die "Six Pack Attack"-Trainerin liegt am Strand von Malibu. Keiner wirft mir abschätzige Blicke zu, keiner ist enttäuscht, wenn ich auch beim fünften Mal noch alles falsch mache. Niemand schleicht sich von hinten an, um mich in die richtige Position zu drücken. Ich kann sogar den Mittelfinger zeigen, wenn ich vor lauter Scheitern wütend werde. Sie wahren die Form, überall, jeden Tag. Und wenn ich an einem schlechten Tag schon nach fünf Minuten hechelnd auf der miefigen Matte liege, rufen sie immer noch: "You’re doing great!"

Reale Trainer meinen, sie müssten unterhaltsam und abwechslungsreich sein: neue Übungen einführen, fortgeschrittene Varianten erklären, herausfordern. Ich will das alles nicht. Wenn ich fünfmal hintereinander zum Booty Booster gehe, dann fühle ich mich bereits beim sechsten Mal wie ein Profi. Mein Körper merkt sich die immer gleichen Abläufe, die immer gleichen acht Übungen. Ähnlich wie das Schalten beim Autofahren oder die Handhaltung beim Haarekämmen. Dinge, über die man nicht nachdenken muss – sie geschehen einfach, weil sie schon so oft geschehen sind. Die Videokurse sind auf schnellen Erfolg ausgelegt, auf großen Ertrag bei geringem Einsatz. Genau das, was ich will.

Die Welt, wie ich sie kenne, ist voller Unsicherheiten: befristete Arbeitsverträge, Staffelmieten – und auf Facebook, diesem Ort, den wir alle für ewig hielten, ist auch niemand mehr. Aber der Booty Booster in München unterscheidet sich nicht vom Booty Booster in Berlin. Egal, in welche Stadt ich ziehe, Anja Garcia wird da sein. Und mir etwa bei Minute 16 versichern: "You did great work today."