© Petra Bahr

"Gibt es den auch in Bunt?", fragt das Mädchen im pinkfarbenen Kleid und zeigt auf den Talar. "Man könnte Verstecken drin spielen", überlegt ihr Bruder keck. "Ist wie ein Unsichtbarkeitsmantel. Gibt es bei Harry Potter. Ziehste an und niemand sieht dich. Wäre super für die Schule." Gar nicht so schlecht beschrieben, das preußische Gelehrtengewand, das zur Amtstracht wurde.

Wir sitzen auf den Stufen einer Kirche, etwa vierzig Kinder dürfen alles fragen. Die Erwachsenen haben sich in Nebenräume zurückgezogen. Sie wären gerne dabei geblieben, um sich über die Kinderfragen zu amüsieren. Das sieht man ihnen an. Aber amüsant sind die Fragen der Kleinen überhaupt nicht, sondern ernst und nach einer Weile des Vertrauenfassens auch frei und sehr direkt. "Kann ich mal die Kette mit dem Kreuz anprobieren?" Ein Kind nimmt ehrfürchtig das silberne Ding aus der Samtkiste, hält es hoch, lässt es baumeln und legt es schnell wieder zurück. "Was machst du, wenn dir das Kreuz geklaut wird? Kriegst du dann Ärger?" Das habe ich mich auch schon gefragt. "Wo kommt eigentlich deine Predigt her?", fragt ein Mädchen im Grundschulalter. Sie soll ja von Gott kommen. Dann zeigt sie auf die Taube, die über dem Kanzeldach schwebt. Die Skepsis ist ihr ins Gesicht geschrieben.

Mein Geheimnis ist bei dieser kleinen Gemeinde sicher. Deshalb ziehe ich einen Zettel aus der Hosentasche. Er sieht aus wie Kaugummipapier. Ausgefaltet steht ein Bibeltext drauf. Hier, guckt mal. Könnt ihr auch machen. Ich nehme die Geschichte aus der Bibel überall mit hin. Sogar dahin, wo mein Handy nicht mitkommt. "Sogar aufs Klo?" Sogar aufs Klo! Sagt es nicht weiter, aber die Predigten schreibe ich nicht wie Hausaufgaben, ordentlich am Schreibtisch. Ich schreibe sie unterwegs, in der U-Bahn oder wenn ich auf jemanden warten muss, im Café oder kurz bevor ich einschlafe. Manchmal weckt mich ein Gedanke mitten in der Nacht. Und jeden Morgen, wenn ich die Hose wechsle, kommt der Zettel mit der biblischen Geschichte in die nächste Hosentasche.

Die Geschichten, die Sätze sagen mir nur dann etwas von Gott, wenn ich sie überallhin mitnehme. Manchmal ist es dann, als flüstere Gott mir etwas zu. Manchmal möchte ich den Papierball am liebsten in den Müll werfen, weil ich gar nicht verstehe, worum es geht. Manche Texte lege ich auch in ein schlaues Buch, weil es manchmal hilft, zu lesen, was andere über die Bibel wissen, da gibt es wirklich schlaue Leute, die mir erklären, was ich nicht verstehe. Manchmal bleibt am Ende der Woche nur ein Wort im Kopf. Aber das reicht schon für eine Predigt. Ein Wort, das kitzelt und zum Lachen bringt, oder zum Weinen oder zum Kopfschütteln. Probiert das mal aus.