Andere Menschen fliegen in den Oman, um die Wüste zu sehen. Ich geh dafür bloß in die Vorstadt, und es ist fast egal, durch welche Siedlung, welches Dorf ich spaziere. Überall richten Menschen ihre Gärten hin. Sie verwandeln sie in Steinwüsten. Vulkanlandschaften. Geröllfelder.

Neulich in Westfalen, da hatte einer sein Grundstück mit lavaschwarzen Blöcken vollgestellt, die sich bei näherem Hinsehen als gefärbte Betonquader entpuppten. Drum herum dunkle Platten bis zum Zaun, und nur hier und da stand ein Pflanzkübel mit Gräsern. Im Zentrum dieser lanzarotehaften, aschfahlen Installation waren Möbel aus Kunststoff-Rattan um einen Teich herum arrangiert, der in Wahrheit nur eine geometrische Pfütze war.

Wenige Häuser weiter bestand ein Vorgarten ausschließlich aus gemahlenem Schutt, umgeben von grauen Rand- und handgroßen Pflastersteinen, die in der Mitte zur Haustür führten und links und rechts am Haus vorbei. Es war alles so tot. Selbst Rehe aus Gips wären dort verhungert. Und wie es scheint, übt so eine Gartenvernichtung einen dunklen Sog auf die Nachbarn aus. Keine hundert Meter von den ersten Unheilsorten entfernt hatte der Nächste sein Grundstück mit Gitterkäfigen voller Kieselsteine umstellt – und das Innere mit verschiedenfarbigen Platten versiegelt, als hätte er eine Mustersammlung aus dem Baumarkt mitgehen lassen.

Ich frage mich: Was treibt diese Menschen? In Fernsehserien wie Surviving Suburbia und Ein Herz und eine Seele (mit Ekel Alfred) lauerte die Hölle wenigstens noch hinter den Fassaden, in den Familien. Heute beginnt das Grauen gleich vor der Tür, jede Putte würde um Gnade flehen, müsste sie dort stehen. Muss sie aber nicht. Denn das Leben und selbst nur ein Abbild davon ist unerwünscht. Diese "Gärten" sind wirklich ein Verbrechen.

Aber ich gebe zu: Es macht schon auch ein bisschen Spaß, beim Spazierengehen zu gucken, wie hässlich sich Menschen ihr Leben einrichten.

Im Übrigen bin ich sicher: Die Leute kommen nicht von allein drauf. Das Hässliche wird ihnen als Schönheit und Modernität verkauft – und zwar von Bauhaus, Hornbach, Hagebau, Obi und wie sie alle heißen. Diese Baumärkte haben sich ausgebreitet wie Pilze auf totem Holz, mehr als 3300 gibt es deutschlandweit – und sie setzen das Hässliche frei wie eben Pilze ihre Sporen: massenhaft.

Auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern begannen die Produktmanager schon vor Jahren, ihre Ideen in die Gärten auszustreuen, und sie nahmen dafür Baustoffe, die bis dahin aus gutem Grund nur im Roh- und Straßenbau, für Keller und Tiefgarage verwendet wurden. Aus Kunststoff, Stahl und Steinen versuchten sie etwas Neues zu entwerfen, und herausgekommen sind: Betonklumpen. Schüttgut. Unvergängliche Terrassenbeläge aus gepresstem Holz-Plastik-Gemisch. Und dicke Kiesel in handlichen Gitterkäfigen.

Die Geschichte dieser sogenannten Gabionen ist besonders vielsagend, denn sie wurden einst erfunden, um abrutschgefährdete Hänge in den Alpen zu stabilisieren. Die Drahtkäfige konnte man leicht in unwegsames Gelände bringen und dort mit Steinschrott füllen. Später wurden Gabionen für Schallschutzwände an Autobahnen verwendet – und heute verbarrikadieren sie in miniaturisierter Form die deutschen Gärten.