In politischen Debatten scheint es dieser Tage manchmal, als ob die westliche Zivilisation eine Regression erlebe, sich zurückentwickle und eine hässliche, frühere Epoche wiederkehre. Aber Geschichte wiederholt sich nicht, sie korrespondiert nur auf sehr schräge Weise mit der Vergangenheit. Und so ist es auch mit den steinernen Gärten.

Tatsächlich erinnern diese Gärten in ihrer starren Geometrie und Kargheit an die ärmliche Frühzeit Europas. Über Jahrhunderte war Gartenkultur vor allem eine Sache der Adeligen, doch die heimischen Pflanzen waren angesichts des Klimas meist rau und borstig, unbedingt widerstandsfähig und selten lieblich. Europäische Gärten waren länger kahl als grün – und länger grün, als dass sie blühten, und damit die Herrschaftsgärten wenigstens einigermaßen was hermachten, wurden sie geometrisch angelegt und mit Bäumen und Büschen bepflanzt, die sich gut in eckige Formen schneiden ließen.

Es war eine erduldete Schlichtheit, mehr war eben nicht drin. Von einem blühenden Paradies auf Erden konnten die Gärtner nur träumen, und das taten sie ganz buchstäblich. Denn das Wort "Paradies" stammt aus dem Persischen und bedeutet "Garten".

Im 18. und frühen 19. Jahrhundert erkannten ein paar britische Gärtner und Adelige dann, dass ihnen der aufkommende Transatlantikverkehr die Chance bot, ihr Paradies mitten in Großbritannien zu errichten. Samen um Samen, Sprössling um Sprössling erweiterten sie die britische Pflanzenwelt. Sie überzeugten Kapitäne, ihnen Kisten mit unbekannten Blumen und blühenden Sträuchern von der Reise mitzubringen, und was nicht im salzigen Spritzwasser verdarb, wurde mit größter Sorgfalt in Gewächshäusern gepäppelt. Auf dieser Grundlage entstanden in England nach und nach die ersten botanischen Lexika und Garten-Ratgeber, denn die Sammler und Züchter verstanden ihr Werk als Beitrag zu Zivilisation und Aufklärung. Gartenbau war ihr Pläsier, aber mindestens so sehr ein naturwissenschaftlicher wie ästhetisch-kultureller Fortschritt.

Auch wenn sich heute kaum jemand daran erinnert, schimmert diese Geschichte in den vielen, vielen Gartenzeitschriften durch, die am Kiosk liegen, von Mein schöner Garten bis zur Landlust. Es führt eine direkte Linie von den britischen Pionieren in den bürgerlichen Garten der deutschen Nachkriegszeit, der nicht mehr die Familie ernähren musste, nicht mehr voller Kartoffeln und Kohl stand, sondern zum Symbol für Wohlstand, Weltläufigkeit und Geschmack wurde. Dass diese Gärten in der Realität oftmals piefig aussehen – geschenkt. Dass nicht jeder einen guten Gärtner abgibt – das sieht man schon an meinem kläglichen Bemühen um eine Mirabelle. Aber es nimmt der Entwicklung nichts von ihrer Dimension: Seit den 1970er-Jahren hatte praktisch jeder Eigenheimbesitzer das nötige Einkommen, um sich sein privates Paradies anzulegen. Millionen kleiner Paradiese auf Erden. Hatte es das je gegeben?

Umso rätselhafter ist es, dass Menschen heute ihre Grundstücke unter Steinen begraben. In einem schwachen Moment hatte ich sogar den Gedanken, einen Garten-Pranger im Internet anzulegen. Ich stellte mir vor, wie Spaziergänger ihn füllen, indem sie, wo sie gehen und stehen, die schlimmsten Gärten fotografieren und ihre Bilder ins Netz hochladen. Aber erstens gibt es so etwas Ähnliches schon auf Facebook. Und zweitens hätte ich letztlich das Gefühl, mich selbst ins Unrecht zu setzen. Die Menschen sind nun mal frei und damit auch frei, ihr Stückchen Erde zu verhunzen.

Also habe ich den Gedanken verworfen – und mit einigem Abstand fühle ich vor allem Mitleid. Vor meinem inneren Auge sehe ich lauter Vorstadtbewohner, die erst ihren Garten versteinern lassen und dann auf den Urlaub hinfiebern. Die nach Thailand, Bali, Kuba und Südafrika fliegen, um sich an der Schönheit der Natur zu besaufen wie Kamele am Wasser einer Oase. Denn es muss ja für die übrigen elf Monate reichen, die sie in ihrer privaten Wüste verbringen.