Die Luft ist rein, wenn die Nacht über der Haftanstalt Berlin-Tegel aufzieht. Thomas D. nimmt vor dem vergitterten Fenster seiner Zelle Platz, vermummt sich mit Palästinenserschal und Schirmmütze und begrüßt mit textilgedämpfter Stimme sein Publikum: "Hallo, ihr Gauner!" Dann erzählt er aus dem Inneren der totalen Institution: wie er und seine Mithäftlinge mit "Kinderschändern" verfahren, was dran ist am Mythos des "Seifeaufhebens" in der Dusche und dass ein Zellennachbar sich das Leben nahm. Dazwischen Berichte vom tristen Gefängnisalltag zwischen Einschluss, Hofgang und Arbeit. Als "weltweit erster Knast-YouTuber" hat D. auf der Videoplattform binnen kürzester Zeit Millionen von Klicks erzielt.

"In der Anstalt bin ich jetzt der Lautsprecher für Informationen nach drinnen und draußen", sagt D. über seine illegale Rolle. Seit Juli 2018 sendet der Schwerverbrecher Videobotschaften aus seiner Acht-Quadratmeter-Welt. Es ist eine Art Videotagebuch. Mithilfe von eingeschmuggelten Smartphones berichtet er auch von seiner kriminellen Vergangenheit – und die hat es in sich.

Sechs Jahre sitzt der Mann mit dem Tuch schon in der JVA Tegel. Drei bewaffnete Banküberfälle inklusive Geiselnahme bescherten ihm eine Gesamtfreiheitsstrafe von neun Jahren und sechs Monaten. Die Beute presste er nicht mit vorgehaltener Pistole heraus – er hatte schwereres Gerät dabei: Bomben. Jedenfalls behauptete er das. Tatsächlich befand sich in den "Bombenkoffern" kiloweise Katzenstreu. Mit einem Überfall in Wolfsburg schaffte es D. sogar in die ZDF-Sendung Aktenzeichen XY ... ungelöst. Ganze Büros und Geschäfte wurden damals evakuiert.

Ratlose Ermittler mutmaßten damals, der Gesuchte könnte etwas mit Katzen zu tun haben. Dass sich Ermittler derart narren ließen, fand D. lustig, selbst als ihn das Landgericht Berlin wegen schwerer räuberischer Erpressung und erpresserischen Menschenraubs verurteilte. Das psychologische Gutachten bescheinigte ihm "extremen Egoismus" und eine Fixierung auf die Bewunderung durch andere.

Auch seinen unfreiwilligen Auftritt bei Aktenzeichen XY würdigt D. auf YouTube. Spöttisch erzählt er, wie er – da noch in Freiheit – vor dem Fernseher saß und sich im Straßenjargon über die mageren Ermittlungsergebnisse des "Kripo-Almans" (Alman, türkisch für Deutscher) amüsierte.

Doch nicht immer ist D. obenauf. In seinem Video Selbstmord im Knast reflektiert er den Suizid eines Kumpels, kurz vor dessen Entlassung. Für D. unbegreiflich, wie sich ein "langjähriger Weggefährte" umbringen konnte, ohne dass er von dessen seelischer Verfassung etwas mitbekam. Zwischen Empathie und Unbekümmertheit liegt bei D. oft nur ein Wimpernschlag. Die ZEIT hat mit D. gesprochen – unter der Bedingung, dass über den Kommunikationsweg Stillschweigen bewahrt werden müsse. Im Gespräch flachst der Gefangene darüber, dass ihm das Sondereinsatzkommando beim letzten Überfall, einer gescheiterten Geiselnahme, fast in den Kopf geschossen hätte.

Brutale Inhalte, verpackt in Straßenjargon – mit seinem Knasttagebuch scheint D. eine Marktlücke gefunden zu haben. Doch Anfang Juli, gerade drei Tage nach Eröffnung seines Video-Blogs, stürmen drei Beamte in D.s Zelle und suchen nach seinem Handy. Smartphones sind innerhalb der Anstalten in Deutschland verboten. Bei Verstoß gegen die Hausregeln drohen Disziplinarstrafen.

Ständig sucht er nach neuen Verstecken für Telefone – und legt falsche Fährten

Erst durch eine Presseanfrage wird die Senatsverwaltung für Justiz auf den Video-Blogger aufmerksam. "Den blauen Vorhang im Hintergrund seiner Videos erkennt man, wenn man schon mal in der JVA Tegel gewesen ist", erklärt der Pressesprecher Sebastian Brux. Den Besitzer der weißen Kappe und des Pali-Tuchs ausfindig zu machen sei nicht weiter schwer gewesen.

Die Anstaltsbediensteten konfiszieren D.s Smartphone und verlegen ihn in eine andere Zelle, um die "logistischen Versorgungswege" zu kappen. Die Senatsverwaltung ist siegesgewiss: Man beendet den YouTube-Unfug, bevor er begonnen hat. Doch auch D. sieht sich als Gewinner: Seine Enttarnung sei fester Bestandteil des Plans gewesen, behauptet er. Dass er tatsächlich darauf spekuliert haben will, mit seinen illegalen Aktionen auf dem Radar der Senatsverwaltung und der Presse zu landen, klingt im Nachhinein wie ein Geniestreich. Wenn man es glaubt.