Vor einer Weile bemerkte ich vor meinem Fenster einen Kühlwagen von der Art, die Restaurants mit Gefrierprodukten beliefert. Die hinteren Türen standen offen, und durch die Seitentür erkannte ich im Gegenlicht einen jungen Mann, der offenbar darin wohnte. Wie ein Wohnmobil war das Gefährt weiß gestrichen, doch wenn man die Türen schloss, musste es drinnen ziemlich dunkel sein. Der Bewohner schien diesen Moment weitmöglichst hinauszuzögern. An jenem lauen Spätsommerabend war das auch nicht schwer. Tags darauf sah ich, wie er das Spülwasser abließ und in den Straßenabfluss goss. Ich fühlte mich wie eine Schlossherrin mit einem Pförtner vor der Tür. Zugleich tat mir mein neuer Nachbar entschieden leid.

Zwei Wochen später, als er längst weitergezogen war, begann ich ihn zu beneiden. Ein Brief des Vermieters lag in der Post, der unserer idyllischen Mietergemeinschaft von etwa 50 Parteien eine Gebäudemodernisierung ankündigte, für deren Durchführung er anderthalb Jahre veranschlagte. Die Mietkosten sollten im Anschluss um bis zu 75 Prozent steigen. Ich hatte noch keinen Termin beim Mieterverein, da lag schon ein Wurfschreiben im Briefkasten: "Wir bleiben hier wohnen! Ohne Luxusmiete!" Bisher hatte ich die Nachbarn höflich gegrüßt, plötzlich erhielten sie Namen. Mail-Pools wurden gegründet, Anwälte konsultiert, Mietertreffen vereinbart, der Austausch lief auf Hochtouren. Es sah so aus, als könnte sich keiner hier die Gentrifizierung leisten, außer den sieben Terrassenwohnungsmietern, die nach dem Dachausbau einziehen sollten. Aus irgendeinem Grund unterlag unser gemütlicher Gründerzeitblock nicht dem Milieuschutz. Im Vergleich zum Bergmann- oder Wrangelkiez waren wir zu unauffällig. Wir liebten die Ruhe, der der Presslufthammer nun den Garaus machen sollten. Wir waren nur eine kleine Insel, die eine Karte der Gebäudeschäden nach 1945 als "beschädigt, wiederaufbaufähig" ausweist. Ironischerweise zeigte die drohende Beschädigung durch Modernisierungsmaßnahmen, dass wir sehr wohl ein Milieu waren, das sich mühelos auf gemeinsame Grundwerte einigen konnte.

Eine Nachbarin erklärte sich bereit, dem Kreuzberger Bezirksstadtrat Florian Schmidt von Bündnis 90/Grünen zu schreiben, der mit seiner Magisterarbeit immerhin eine "Kritik der Raumsoziologie" vorgelegt hatte und vom Tagesspiegel als "Robin Hood für Altbaubewohner" gefeiert wurde. Die Noli me tangere-Antwort seines Mitarbeiters war drei Sätze lang, inklusive Link zur Sozialberatung. Unsere Mietercloud nannte es "Abwimmeln" und fischte eine "Umstrukturierungsverordnung" von 2010 aus den Akten, die der "Verdrängung" durch Modernisierung in genau unserem Block entgegenwirken wollte. Jemand fand ein kritisches Urteil zum Fahrstuhl, der in den Zwischengeschossen halten sollte und die Mieterin im ersten Stock 4,75 Euro pro Stufe im Monat kosten würde. Dabei muss sie den halben Weg wieder hinuntersteigen.

Der Bezirksschornsteinfeger kam zur Überprüfung meiner Gastherme vorbei. Politisch unkorrekt sprach ich ihn auf den herrlichen Geruch der Kohleheizungen an. "Davon gibt es hier nur noch drei", sagte er und zählte jede Partei mit Namen auf. "Uns werden Sie hier nicht mehr sehen", setzte er hinzu, als ich die Renovierung durch Fernwärme erwähnte. Offenbar war der dabei entstehende Energieverlust ein Grundsatz seiner Ausbildung. Ich wies auf die Amsel hin, die unter dem Dach wohnt. "Nicht nur die Amsel", sagte er. "Das hier ist eines der letzten Gebäude, wo man auf dem Dach herumspazieren kann. Sie können sich nicht vorstellen, wie herrlich es ist, da morgens den Sonnenaufgang über dem Landwehrkanal zu erleben!"

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