DIE ZEIT: Herr Müller, nächste Woche bekommen Sie Besuch von elf afrikanischen Staatschefs, darunter Nana Akufo-Addo, der Präsident von Ghana. Wird das sehr unangenehm für Sie?

Gerd Müller: Warum sollte das unangenehm werden?

ZEIT: Der Präsident von Ghana ist ein Gegner der Entwicklungshilfe. Er sagt: Sie hilft uns nicht, sie schadet. Im Grunde hält er Ihren Job für überflüssig.

Müller: Im Gegenteil: Ich habe mit ihm einen neuen Weg der Entwicklungszusammenarbeit vereinbart. Gemeinsam reformieren wir die Staatsverwaltung, bauen Antikorruptionsbehörden und Rechnungshöfe aus. Ghana braucht nicht zusätzliche deutsche Hilfsprojekte, da hat Präsident Akufo-Addo völlig recht.

ZEIT: Sondern?

Müller: Eine echte Partnerschaft. Wir investieren in Berufsbildung für die Jugend und stärken Privatinvestitionen. Die Voraussetzung dafür ist, dass das Land Rahmenbedingungen verbessert: Korruptionsbekämpfung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. An diesen Kriterien richten wir unsere Entwicklungspolitik neu aus. Wer reformiert, dem bieten wir eine vertiefte Zusammenarbeit an. Auch mit Tunesien und der Elfenbeinküste haben wir bereits solche Reformpartnerschaften geschlossen.

ZEIT: So wahnsinnig neu klingt das aber nicht.

Müller: Neu ist, dass wir in Staaten, die sich nicht an diese Standards halten, unser Engagement herunterfahren. Es wird Länder geben, die von uns keine Entwicklungsgelder mehr bekommen.

ZEIT: Welche?

Müller: Das prüfen wir sorgfältig und entscheiden das im nächsten Jahr.

ZEIT: Und den Menschen dort sagen Sie: Wir lassen euch jetzt mit euren korrupten Herrschern allein und im Zweifelsfall verhungern?

Müller: Wir werden Menschen, die in den ärmsten Ländern von Hunger bedroht sind, immer unterstützen. Aber wir sagen auch: Unsere Partner in Afrika müssen selbst mehr leisten. Eigeninitiative ist der Schlüssel für Entwicklung.

ZEIT: Was haben die Reformländer von dieser Partnerschaft?

Müller: Ein Beispiel: Wir haben in der Nähe von Nairobi mit einem deutschen Entwicklungskredit eine Fabrik finanziert, die Mangosaft herstellt. Gebaut hat sie eine Firma aus Regensburg. Diese Fabrik sichert heute Zehntausenden Familien in Kenia ein festes Einkommen. Solche Investitionen müssen wir viel stärker fördern, denn neun von zehn Jobs schafft die Privatwirtschaft. Und der Investitionsbedarf ist enorm: In Afrika verrottet etwa die Hälfte der Ernte, weil es nicht genug Lager und Anlagen für die Weiterverarbeitung und die Verpackung gibt – Anlagen, die deutsche Unternehmen liefern könnten. Wir könnten noch Hunderte solcher Saftfabriken bauen.

ZEIT: Das tut aber offenbar keiner. Auf der Liste der zehn Länder, deren Firmen am meisten Geld in Afrika investieren, taucht Deutschland nicht auf, wir liegen sogar noch hinter der Schweiz.

Müller: Die deutschen Firmen haben lange Zeit gute Geschäfte in Asien gemacht. Aber die künftigen Wachstumsmärkte liegen vor allem in Afrika. Wir setzen mit der Afrika-Konferenz nächste Woche eine deutliches Zeichen: Auf nach Afrika! Leider investieren von den 300.000 exportorientierten deutschen Unternehmen bislang nur etwa tausend dort.

ZEIT: Warum?

Müller: Das müssen Sie die Unternehmer fragen.

ZEIT: Das haben wir gemacht. Die sagen: Geschäfte in afrikanischen Staaten sind einfach zu riskant. Der deutsche Staat bietet ihnen zwar Bürgschaften, um sich abzusichern, aber die sind zu bürokratisch, zu kompliziert.