Keine Angst!

Die menschliche Intuition ist eine starke Kraft. Gerade wenn es um Geschlechterfragen geht. Die Intuition sagt: Wo mehr Wohlstand und mehr Gleichberechtigung herrschen, da gleichen sich auch die Vorlieben und Handlungsweisen von Frauen und Männern an. Dort werden die Frauen nicht mehr zurückgehalten von männlicher Dominanz und althergebrachten Rollenvorgaben.

Die Intuition liegt falsch. Eine neue deutsche Studie, gerade veröffentlicht in Science, einer der beiden führenden Wissenschaftszeitschriften der Welt, sagt das genaue Gegenteil: Wenn eine Volkswirtschaft sich entwickelt und reicher wird, wenn die Einzelnen mehr Entfaltungsmöglichkeiten haben und die Gesellschaft mehr für die Chancengleichheit tut, dann treten die Unterschiede zwischen Frau und Mann besonders hervor – und wachsen.

Ein Team um den Bonner Ökonomen Armin Falk, Gründer des Briq-Instituts für Verhalten und Ungleichheit, hat rund 80.000 Menschen in 76 Ländern auf allen Kontinenten befragen lassen. Die Ergebnisse sind repräsentativ für etwa 90 Prozent der Menschheit. Und sie sind ebenso eindeutig wie aufsehenerregend, geht es doch um Vorlieben, die Einfluss haben auf unser wirtschaftliches Schicksal.

Männer sind demnach geduldiger, wenn es etwa darum geht, bis wann sich eine Investition rentieren muss oder ob sich eine Bildungsausgabe lohnt. Sie sind auch risikofreudiger, haben also weniger Angst vor dem Misserfolg. Und sie sind eher bereit, unkooperatives Verhalten anderer zu bestrafen, auch wenn sie das erst mal Geld kostet. Frauen dagegen schenken anderen schneller Vertrauen, helfen öfter aus altruistischen Gründen – also ohne dafür einen Gewinn zu erwarten, und sie belohnen eher kooperatives Verhalten ihrer Mitmenschen und verstärken es auf diese Weise.

Wer denkt, das seien Klischees, der hat recht. Die neue Studie zeigt nun, dass sie auch stimmen. Sie treffen im globalen Zuschnitt einfach zu. Bedeutend ist ein Ergebnis, das sich schon vorher in psychologischen Studien angedeutet hatte: Die Differenzen wachsen mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten und der Chancengleichheit. Wenn nicht mehr der Überlebenskampf den Alltag prägt, wenn Männer nicht mehr alles bestimmen und im Gegenteil die persönliche Freiheit mit den materiellen Ressourcen wächst, dann entwickeln die Menschen sich auseinander.

Es sind also nicht die festgefügten sozialen Rollen armer Gesellschaften, die Frauen und Männer davon abhalten, gleicher zu werden. Vielmehr unterstreichen die Geschlechter ihre Unterschiede noch, wenn sie sich relativ frei entwickeln können.

Hinter dem knappen Ergebnis steht ein umfangreiches Forschungsprojekt. Im Jahr 2012 hängten sich Falk und Co. an eine weltweite Umfrage des Washingtoner Demoskopie-Konzerns Gallup und kartografierten die Unterschiede in den wirtschaftlichen Präferenzen. Heraus kam der Global Preference Survey (GPS), ein Atlas der Vorlieben auf der Welt. Die Daten hat Falk mittlerweile im Netz verfügbar gemacht, damit alle Interessierten damit arbeiten können. Einige Untersuchungen stellte er zuerst einmal selbst an. Ein Ergebnis: Viele besonders geduldige Menschen sind in Europa oder in der englischsprachigen Welt zu Hause, während Afrikaner hohe Risiken eingehen und Asiaten sehr kooperativ eingestellt sind.

Die Daten zeigen auch, dass die Präferenzen wirtschaftliche Auswirkungen haben. Geduldige Menschen sparen eher und erklimmen höhere Bildungsstufen; risikobereitere Leute sind eher selbstständig; sozialer eingestellte Individuen setzen sich eher für gute Zwecke ein und helfen anderen. Und all das quer über die Kulturen hinweg. Außerdem zeigen Unterschiede zwischen den Ländern, welche Faktoren den Wohlstand befördern. Vertrauen ist demnach wichtig für die ökonomische Entwicklung, Risikobereitschaft für ein starkes Unternehmertum. Die stärkste Verbindung besteht indes zwischen Geduld und Einkommen. Man könnte auch sagen: Investitionen in die Zukunft zahlen sich aus; an der Stelle funktioniert der Kapitalismus wie versprochen.

Alles spannend, aber nichts an Falks Studie ist so faszinierend wie die Sache mit Mann und Frau. Genau so sahen sie es auch bei Science, erzählt der Forscher. Das Magazin wollte nicht den Überblick übers ganze Projekt, sondern die Analyse der Geschlechterunterschiede. Falk weiß selbst, dass er da mit Dynamit hantiert: "Das Ergebnis könnte politisch von rechts wie links falsch verstanden werden." Zum Beispiel von gestandenen Feministinnen, die zeitlebens dafür kämpften, dass Frauen die gleichen Fähigkeiten wie Männern zugesprochen werden. "Was bei unserem Ergebnis passt: Gesellschaftliche Unterschiede verändern tatsächlich das Geschlechterverhältnis – nur nicht so, wie manche es sich vorstellen", sagt der linksliberale Ökonom, der höchst sensibel für die sozialen Debatten im Land ist. "Doch das ist es, was wir messen. Es ist nicht gut oder schlecht. Gleichberechtigung heißt eben nicht Gleichsein."

"Man sollte nicht alles aufs Geschlecht projizieren"

Gisela Erler hat das früh entdeckt. Erst war die Soziologin eine anerkannte Familienforscherin, dann gründete sie einen schnell wachsenden Familienservice, der im Auftrag von Unternehmen Au-pairs und andere Hilfen vermittelt. 2011 wurde sie Staatsrätin für die Zivilgesellschaft in Baden-Württemberg. Als Unternehmerin entdeckte Erler, wie verschieden die Geschlechter unabhängig von gesellschaftlichem Druck sind, und veröffentlichte schließlich das Buch Schluss mit der Umerziehung!. Die Geschlechter trügen ein "mächtiges kulturelles und neurobiologisches Erbe" in sich und zeigten ganz unterschiedliche "Motivationen und Antriebe, Kommunikationsstile und Interessen", steht da. Daher könne die vollkommene Angleichung von Mann und Frau kein Erfolg werden: "Besser man nutzt kreativ die Unterschiede."

Was Erler in ihren verschiedenen Rollen erfuhr, wird heute von Hirn-, Verhaltens- und sogar von Hormonforschern gestützt. Wie sonst entstünde auch der oft beschworene Mehrwert durch gemischte Teams. Wo sonst kämen die besonderen Stärken her, die Frauen wie selbstverständlich in die Unternehmen bringen.

Explosiv ist die neue Studie von Falk und Co., weil sie mit Blick auf wirtschaftlichen Erfolg eben nicht nur weibliche Stärken, sondern auch Schwächen aufdeckt. Ja, die Fähigkeit zu vertrauen bringt Frauen ökonomische Vorteile, und auch die Neigung, kooperatives Verhalten zu belohnen und damit zu verstärken, macht sie besonders wertvoll für viele Organisationen. Andererseits sind Geduld und Risikofreude, bei denen Männer einen Vorsprung haben, entscheidende Faktoren im Kapitalismus. Sie beeinflussen viele Entscheidungen im Leben, einschließlich der Wahl des Arbeitsplatzes, und sind schlicht Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg. Weil das bisher wenig beachtet wurde, so meint Armin Falk, sei auch der Lohnabstand zwischen den Geschlechtern noch nicht richtig verstanden.

Frauen werden zwar immer noch vielfach diskriminiert, beispielsweise als Schwangere und Mütter oder auch nur mit Blick darauf, dass sie schwanger werden könnten. Aber zu einem Teil wählen sie ihr ökonomisches Schicksal einfach selbst. Gibt es zwei Jobs zur Auswahl, der eine sicher, der andere unsicher, aber im Erfolgsfall viel besser bezahlt, dann entscheidet die Risikobereitschaft. Im Schnitt wählen Frauen dann eher den sicheren Job. Drängt oder lockt man sie dagegen in die Risikojobs, dann verspüren sie oft keinen Nutzen davon oder fühlen sich durch die Unsicherheit sogar schlechtergestellt als bei der sicheren Arbeit.

Wohlgemerkt gilt all das nur im Durchschnitt der Geschlechter. Die Verteilung der Vorlieben ist bei Frauen wie Männern breit gefächert. Manche Frauen sind besonders risikofreudig, gründen Unternehmen oder werden Topmanagerinnen. Doch mit Blick auf den Durchschnitt drängt die neue Studie die Gesellschaft dazu, sich zu fragen, ob sie die Fähigkeiten der Geschlechter richtig honoriert. Das Kümmern zum Beispiel in den Pflegeberufen. Oder die Kooperationsfähigkeit, die doch in Zeiten des Internets immer wichtiger wird. Und auch die Sicherheitsliebe, die beispielsweise Banken und anderen Finanzunternehmen gut bekommen würde. Nicht umsonst erklärte die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, nach der großen Bankenkrise von 2008, mit Lehman Sisters statt Lehman Brothers hätte die Welt anders ausgesehen.

Der österreichische Ökonom und kommende Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr, findet die Studie denn auch spannend, fragt aber: "Was lehrt sie uns wirklich?" Vor allem vermisst er Einsichten darüber, ob sich die Haltungen überall in der reicher werdenden Gesellschaft verändern oder nur in bestimmten Segmenten. Vielleicht seien es ja identifizierbare Gruppen, bei denen sich die Neigungen stark veränderten, sagt der Globalisierungsexperte. Diejenigen Menschen zum Beispiel, die in der Exportindustrie unter dem extremen Druck weltweiten Wettbewerbs arbeiteten, übrigens vornehmlich Männer. Mit anderen Worten: Vielleicht wirke hier noch etwas jenseits von Wohlstand auf die Geschlechter.

Resultate, die gegen solche Zweifel erhaben sind, nennen Forscher "robust". Falk und sein Co-Autor Johannes Hermle haben dafür Zusatztests gemacht. Sie prüften etwa, ob bei den Befragten wirklich ankam, was die Forscher wissen wollten? Antwort: ja. Sie rechneten die Effekte von Bildung oder Alter heraus. Und sie fragten, ob die Dynamik mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung nachlasse. Antwort: nein. Das Ergebnis bestand die Prüfungen. Zwei Drittel der Auseinanderentwicklung zwischen Frau und Mann ließen sich mit Wohlstand und Chancengleichheit erklären, sagt Falk.

Trotzdem ist der Verhaltensforscher der Erste, der seine Studie relativiert: "Man sollte nicht alles aufs Geschlecht projizieren. Intelligenz, Motivation, Auftreten: Diese Faktoren sind oft wichtiger." Auch ob jemand Akademiker sei, ob er in der Stadt oder auf dem Land lebe, all das beeinflusse die Vorlieben oft mehr als das Geschlecht.

Schön und gut. Aber erst mal steht das Ergebnis über die wachsenden Geschlechterunterschiede hochragend in der Forschungslandschaft. Und obwohl Hollywood Superheldinnen erfindet und Frauen endlich die Chefetagen deutscher Konzerne erklimmen, wo sie schon lange hingehören, führt nichts daran vorbei: Geht es um Wirtschaft, um Investitionen und Jobentscheidungen, um Konkurrenz und Kooperation, verschwinden die Geschlechterunterschiede nicht. Sie verstärken sich.

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