Fassungslos und abfällig: So sieht der kontinentaleuropäische Blick auf Großbritannien aus, seit es in einer Volksabstimmung 2016 den Brexit beschlossen hat. Und wenn es demnächst zum Showdown bei den Austrittsverhandlungen kommt, werden wieder viele ihre Köpfe über diese seltsamen Briten schütteln.

Jochen Buchsteiner, FAZ-Korrespondent in London, übernimmt jetzt die Rolle des Britannienverstehers und schaut in einem scharfsinnigen Essay genauer hin. Statt einer reaktionären Upperclass und einer von Populisten postdemokratisch verführten (sowie von der Globalisierung gepeinigten) Arbeiterklasse voller Ressentiments gegen Einwanderer entdeckt er jenseits des Kanals den mündigen Souverän, mit spezieller Mentalität und besonderer historischer Erfahrung.

So steht das Parlament seit vielen Jahrhunderten im Zentrum der britischen Politik. Es bot den Bürgern schon die Möglichkeit, politisch Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen, als in Europa noch absolutistische Herrscher regierten. Die Wähler bewirken bis heute oft erstaunliche Richtungswechsel, beispielsweise zwischen Quasi-Sozialismus und Neoliberalismus, im Wissen, dass ihr Wille die nächste Regierung es wieder anders machen lassen kann. Im Vergleich zu dieser Tradition wirkt Brüssel wie eine scheindemokratische Veranstaltung mit einer äußerst ungewissen "Finalität", gegen die man die Souveränität des Königreichs lieber nicht eintauscht. "Einordnung, gar Unterordnung gehört nicht zur britischen DNA", schreibt Buchsteiner über das Mutterland des rule of law.

Dieses Sonderbewusstsein hat eine lange Geschichte. Das global herrschende Empire des 19. Jahrhunderts, unterhalten mit erstaunlich wenigen Soldaten und geringen Kosten, lieferte eine Erfahrung, die der Niedergang nach 1945 nicht auslöschen konnte: "Großbritannien machte die Dinge nicht mehr nur anders, sondern erfolgreicher." Der Eigensinn beruhte seither auf dem Eindruck, dass man es besser hatte als die Völker jenseits des Kanals. Da lohnt auch existenzielles Risiko, wie 1940 gegen Hitler.

"Unsere Gewohnheit oder die Natur unseres Temperaments ziehen uns auf keine Weise in Richtung genereller Ideen", erklärte John Stuart Mill einst Alexis de Tocqueville. Die europäische Idee weckte den rebellischen Antrieb einer knappen, aber stabilen Mehrheit der Briten. Die Deutschen, die ja viel Verständnis für Russland aufbringen, sollten um jener Idee willen mit den Briten nicht schmollen. Wenn erst Salvini und Putin die Macht in Brüssel übernommen haben, können wir froh sein, wenn London wieder das wird, was es im 19. Jahrhundert für Karl Marx, Alexander Herzen und Giuseppe Mazzini war: ein Freihafen für Europäer.

Jochen Buchsteiner: Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie
Rowohlt Verlag, Reinbek 2018; 144 S., 16,– €, als E-Book 12,99 €