Wer hätte gedacht, dass man durch Suchanfragen im Internet die Welt grüner machen kann? Das Berliner Start-up Ecosia ermöglicht das: Wer über die gleichnamige Website das Netz durchsucht, bekommt wie bei Google oder Bing neben den Suchergebnissen Anzeigen gezeigt. Anders als Google oder Bing aber verwendet Ecosia die Erlöse zum großen Teil dafür, dort Bäume zu pflanzen, wo sie fehlen, zum Beispiel in Burkina Faso, um karge Landstriche zu begrünen. Mehr als 40 Millionen Bäume sind es nach Unternehmensangaben bereits, eine Milliarde sollen es bis 2020 sein. Gründer Christian Kroll nennt Ecosia eine der "größten Umwelt-Bewegungen weltweit". Er habe Ecosia gegründet, um zu beweisen, "dass es eine ethisch sinnvollere Art und Weise gibt, ein Unternehmen zu führen, als mir in meinem BWL-Studium beigebracht wurde".

Klar: Wer eine Firma gründet, der muss sicherstellen, dass sie mehr Geld einspielt, als sie ausgibt, und er von den Einkünften selbst leben kann. Vielen Gründern ist daneben aber auch der Umweltschutz wichtig. Das belegt der Deutsche Startup Monitor (DSM), für den der Bundesverband Deutsche Startups 1.500 Jungunternehmer und leitende Angestellte in Start-ups befragt hat, also in Firmen, die jünger sind als zehn Jahre und eine innovative Geschäftsidee verfolgen. Gut ein Drittel der Jungunternehmer möchte mit seinen Produkten und Dienstleistungen einen Beitrag zum Umweltschutz leisten. Ähnlich hoch ist der Anteil jener, die einen sozialen Beitrag leisten wollen. Gibt es also eine grüne Welle in der Gründerszene?

Die Studie liefert dafür mehrere Anhaltspunkte. So fragt sie Jahr für Jahr ab, welche Partei Gründer zurzeit wählen würden. Ergebnis: Fast jeder vierte (22 Prozent) würde seine Stimme zurzeit den Grünen geben – im vergangenen Jahr sagte das nur etwa jeder sechste (16 Prozent). Damit sind die Grünen unter Gründern nicht nur angesagter als in der Gesamtbevölkerung, sie sind auch insgesamt die zweitbeliebteste Partei hinter der FDP, die unter Gründern auf 38 Prozent der Stimmen kommen würde. Grünen-Chef Robert Habeck ist derjenige Politiker, dem die Gründer nach FDP-Chef Christian Lindner am meisten Gründungskompetenz unter den Parteichefs bescheinigen. Damit hat Habeck Angela Merkel überholt, deren Beliebtheit in der Gründerszene seit 2016 deutlich gesunken ist.

Auch die große Koalition hat dort immer weniger Fürsprecher, die CDU würden 18 Prozent, die SPD 8 Prozent der Jungunternehmer wählen. Der Frust über die aktuelle Regierung scheint unter Start-up-Unternehmern weit verbreitet: Danach befragt, wie sie die Gründungspolitik bewerten, geben die Gründer der aktuellen Bundesregierung im Schnitt die Note Vier – so schlecht war die Bewertung noch nie, seit der Monitor 2014 zum ersten Mal veröffentlicht wurde.

Wirklich überraschend ist das nicht: Die große Koalition sorgte 2018 vor allem mit ihrem Streit über die richtige Flüchtlingspolitik für Schlagzeilen; die Anliegen der Start-up-Community standen bisher nicht wirklich auf der Agenda. Zu diesen Anliegen gehören übrigens nicht mehr nur Klassiker wie der Abbau von Bürokratie und Hilfe bei der Kapitalbeschaffung oder der flächendeckende Ausbau eines Gigabit-Netzes. Jeder vierte Gründer wünscht sich von der Politik, dass sie den unternehmerischen Einsatz für Umweltschutz und gesellschaftliche Nachhaltigkeit stärker fördert.

Dieser Einsatz wächst, wie zum Beispiel die Berliner Unternehmer-Initiative Entrepreneur’s Pledge belegt. Deren Unterzeichner verpflichten sich dazu, ein soziales und nachhaltiges Unternehmen zu gründen und ihre Gewinne zur Hälfte in den sozialen oder ökologischen Sektor zu reinvestieren. Der Name erinnert an den "Giving Pledge", ein Projekt von Microsoft-Gründer Bill Gates und der Investoren-Legende Warren Buffett, die 2010 versprochen haben, mehr als die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke einzusetzen; mehr als 180 Superreiche haben sich ihrem Vorhaben inzwischen angeschlossen.

Hinter dem Entrepreneur’s Pledge stecken die beiden Gründer Waldemar Zeiler und Philipp Siefer, die mit ihrem Berliner Start-up Einhorn Kondome verkaufen – Kondome, die sie als "fairstainable" bezeichnen, weil sie unter gerechten Arbeitsbedingungen und umweltfreundlich produziert werden. Zu den Mitstreitern ihrer Initiative gehören eine Reihe bekannte Namen der deutschen Gründerszene, zum Beispiel Rolf Schrömgens vom Hotelpreis-Vergleichsportal Trivago oder Kolja Hebenstreit von Delivery Hero – zwei Unternehmen, die inzwischen viele Hundert Millionen Euro wert sind. Die beiden und rund 100 andere Gründer müssen sich zukünftig an ihrem Pledge messen lassen.

Ein Versprechen, das sich auch in Euro und Cent auszahlen kann: Von den für den DSM befragten Gründern glaubt jeder zweite, dass sich aus ökologischen oder sozialen Problemen Marktchancen ergeben. Dass Nachhaltigkeit inzwischen auch ein gutes Verkaufsargument ist, scheint die Gründerszene verstanden zu haben. Bei manchen Start-ups mag das so weit gehen, dass sie ihren Produkten einen grünen Anstrich verpassen, nur um sie besser an den Mann zu bringen.

Ecosia-Gründer Christian Kroll aber meint es offensichtlich ernst. Auch er ist dem Plegde beigetreten und erfüllt ihn geradezu vorbildlich, wie man in den monatlichen Finanzberichten nachlesen kann, die das Unternehmen freiwillig veröffentlicht. Im August etwa blieb von rund 700.000 Euro Einnahmen rund die Hälfte als Überschuss übrig; den größten Teil steckte Christian Kroll in die Aufforstungsprojekte.