Sie trägt das Mikrofon von einem zum anderen, denn alle haben was zu sagen, haben ein wichtiges Anliegen, eine zentrale Perspektive. Sie alle sind ins Museum für Hamburgische Geschichte gekommen, zur Podiumsdiskussion darüber, wie das neue Deutsche Hafenmuseum aussehen soll. Die ehemaligen Hafenarbeiter, deren Welt schon untergegangen ist und die ihr Erbe bewahrt wissen wollen. Die Wissenschaftler, die darauf Wert legen, dass die historische Bedeutung und die Kolonialgeschichte nicht zu kurz kommen. Die heutigen Hafenarbeiter, die den Blick in die Zukunft vermissen und über Digitalisierung reden wollen. Die Bürgerin, die wütend ist, dass all ihre Bemühungen, sich zivilgesellschaftlich im Hafen zu engagieren, an den Männerbünden gescheitert sind, und die wissen will, was sich daran ändern wird. Der Bürger, der mahnt, dass ein Museum nicht nur aus großen spektakulären Objekten bestehen und die Kultur nicht zu kurz kommen dürfe.

Ursula Richenberger hört allen zu, hält ihnen das Mikrofon, lächelt verständig und denkt sich, ja, was eigentlich?

Ursula Richenberger ist die Frau, die das Deutsche Hafenmuseum als Projektleiterin konzipieren soll. Sie ist niemand, die sich in den Vordergrund drängt. Und sie ist eine, die – egal, was passiert – lächelt.

Wer jetzt denkt, Hamburg hat doch schon ein gutes Dutzend Hafenmuseen und Museumshäfen, der hat natürlich recht. Genau wie derjenige, der sich fragt, wie genau sich ein Deutsches Hafenmuseum in Hamburg von einem Hamburger Hafenmuseum unterscheiden soll. Oder derjenige, der sich wundert, dass man offenbar noch kein Konzept hatte, als das alles genehmigt wurde, und man sich jetzt Gedanken macht, was das eigentlich sein soll, ein Deutsches Hafenmuseum.

Normalerweise ist es ja so: Für jeden beantragten Euro muss man einen Stapel Akten, Gutachten und Konzepte vorweisen, damit Risiken minimiert und Fehlschläge möglichst ausgeschlossen werden können. In diesem Fall allerdings ist wenig normal. 120 Millionen Euro hat der Bund schon jetzt für ein Museum bereitgestellt, von dem noch keiner weiß, wo es überhaupt stehen soll. Man hat ein 1500 Tonnen schweres und über 100 Jahre altes Segelschiff von New York über den Atlantik geschleppt, obwohl noch nicht klar ist, wie es für das Museum genutzt werden wird.

Man kann das für ziemlich gewagt halten. Oder man hält sich an Ursula Richenberger, für die das neue Museum eine "singuläre Erscheinung" ist.

Man kann denken, dass es ein Hafenmuseum in einer Stadt wie Hamburg, die ein innigstes Verhältnis zu Kränen und Schiffen pflegt, immer schwer hat. Oder man ist Ursula Richenberger und denkt sich: Wird schon spannend, die nächsten Jahre.

An einem sonnigen Tag im Spätsommer führt Richenberger über das Gelände des schon bestehenden Hafenmuseums. Die sogenannten 50er Schuppen, in denen die Geschichte des Stückguthafens erzählt wird, liegen auf dem Kleinen Grasbrook, gegenüber der HafenCity. Bevor Richenberger Projektleiterin für das neue Museum wurde, war sie hier Direktorin. Es riecht nach Öl, es ist laut, man muss aufpassen, wo man hintritt. Und bei jedem Schritt wird klarer, warum ein Hafenmuseum immer etwas Besonderes ist. Ein Schokoladenmuseum ist ein Museum über Schokolade, aber man kann es nicht essen. Ein Hafenmuseum aber ist mindestens so sehr Hafen wie Museum. Es wird geschweißt und gezimmert, die Ausstellungsschiffe müssen fortwährend in Schuss gehalten werden. Richenberger läuft über das Gelände und grüßt jeden der Arbeiter. Die meisten sind Ehrenamtliche, die früher im Hafen gearbeitet haben und jetzt ihre eigene Geschichte musealisieren. Die sogenannten Hafensenioren brauchen das Hafenmuseum genauso sehr, wie das Hafenmuseum sie braucht. Nicht weil sie für authentische Atmosphäre sorgen und zum Klischee ihrer selbst werden. Sondern weil sie oft die Einzigen sind, die die alten Maschinen noch bedienen können, weil sie Dinge wissen, die schon längst vergessen sind, und vor allem weil sie gute Geschichten erzählen können. Für Richenberger ist klar, dass sie die Ehrenamtlichen auch im neuen Museum einbinden will. 250 sollen es am Ende sein, sonst wäre es nicht zu schaffen. Außerdem sind sie wichtig als "Multiplikatoren", wie sie sagt, weil sie das Museum in der Stadt verankern und dadurch gesellschaftlichen Rückhalt bieten.