Auf wenige trifft der Begriff "Jahrhundertgestalt" so sehr zu wie auf Helmut Schmidt. Und nur drei Jahre haben gefehlt, dann wäre er es auch dem Wort nach gewesen. Wer nochmals die Nachrufe auf ihn liest, die anlässlich seines Todes am 10. November 2015 in allen großen Zeitungen veröffentlicht wurden, wird indes nur selten den leidenschaftlichen Sozialdemokraten entdecken, sondern vor allem den kühlen Staatsmann, den weitsichtigen Weltökonomen und den Manager von tief greifenden Herausforderungen und Krisen.

Ja, Helmut Schmidt war alles dies, aber er hatte genauso viele andere Stärken und Fähigkeiten, denn er war kein blutleerer "Macher" und distanzierter Welterklärer. Dieser überzeugte europäische Patriot war ebenso ein feinsinniger Kulturmensch und ein an Karl Poppers Denken geschulter Erfahrungsphilosoph, der sein politisches Handeln aus ethischer Verantwortung und aus der Pflicht, dem Gemeinwohl zu dienen, ableitete. Schon das verband ihn zeitlebens mit seiner Partei, die sich wie keine andere den Zusammenhalt des Gemeinwesens zur Aufgabe gemacht hat – und das nicht erst seit dem Beginn der Weimarer Republik, als die SPD erstmals einen Kanzler stellte.

Es war deshalb kein Zufall, dass Helmut Schmidt unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs den Weg in die SPD fand. Er selbst brachte es vor Jahren in einem Interview mit dem Hinweis auf den Punkt, er sei "in der Kriegsgefangenschaft zum Sozialdemokraten gemacht worden", und zwar von einem 25 Jahre älteren "religiösen Sozialisten", der gleichwohl NSDAP-Mitglied war – ein seltsamer Lebensweg, denkbar nur in dieser gewalttätigen Zeit.

Schmidts Weg in der sich rasch wieder organisierenden Hamburger SPD verlief steil aufwärts, denn schon der junge Helmut verfügte über die politische Auffassungsgabe, den Bildungshunger und den Aufstiegswillen, der in der Nachkriegs-SPD in Hamburg wie anderswo schnell in wichtige Ämter führte. Lesenswert ist ein Selbstzeugnis von ihm in der Zeitschrift Neue Gesellschaft aus dem Jahr 1968, als er am Schluss unter der heute antiquiert anmutenden Zwischenüberschrift "Dankesschuld" die "geistige und menschliche Führung" heraushebt, die er seitens der örtlichen SPD-Gremien erlebt habe: sehr warm und persönlich formuliert. Die Hamburger SPD blieb für ihn bis zu seinem Tod politische Behausung und geografische Heimat.

Nie ließ er denn auch später – in durchaus schwierigen Konflikten mit seiner Partei – einen Zweifel darüber aufkommen, dass er Sozialdemokrat durch und durch war und zu keiner Zeit auf die Idee gekommen wäre, sich einer anderen Partei anzuschließen als der SPD. Auf dem Kölner Parteitag 1983, schon nicht mehr Kanzler, erklärte er ruhig und gemessen, sein politisches Schicksal sei die SPD gewesen, von der ihn niemand abdrängen werde, "weder von außen noch von innen". Auch die Frage des ZEIT-Chefredakteurs noch vor wenigen Jahren, ob er je an einen Austritt aus der SPD gedacht habe, beantwortete er knapp: "Nee, niemals!"

Gewiss, mit seiner kühlen und schnoddrigen Art, aber eben auch mit seinem von klaren philosophischen, ökonomischen, historischen und geopolitischen Grundüberzeugungen geleiteten Politikverständnis hat er es der SPD nicht immer leicht gemacht. Das galt umgekehrt genauso – seine Ergebnisse auf Parteitagen als stellvertretender SPD-Vorsitzender waren in der Regel mäßig, obwohl er zeitgleich bei den Mitgliedern an der viel zitierten Basis hoch geachtet war. Richtig aber ist: Ungeteilt verehrt wurde Helmut Schmidt von seiner Partei zu Kanzlerzeiten nie. Das kam erst viel später.