Frage: Ein Psychoanalytiker, der mit seiner Mutter, einer Theologin, ein Buch über das sinnlose Leid von Hiob schreibt ...

Daniel Barth: ... Sie dachten wohl: Das ist sicher einer, der sich nicht von seiner Mutter gelöst hat. (lacht)

Frage: Unser Gedanke war eher, dass es toll ist, mit einem Elternteil so lange und intensiv über solch ein anspruchsvolles Thema nachzudenken. Wie kam es dazu?

Barth: Seit einiger Zeit pflege ich die Tradition, dass ich jeden Dienstag zu meiner Mutter zum Mittagessen gehe. Dabei kommen wir immer wieder auf das Buch Hiob zu sprechen, mit dem sie sich als Alttestamentlerin intensiv beschäftigt hat. Einmal meinte sie, dass ihr eine Antwort von Hiob an Gott besonders wichtig sei: "Ich gebe auf und tröste mich." Ich fragte nach, wollte mehr über das sinnlose Leiden von Hiob wissen. Es ergab für mich zunächst keinen Sinn, dass er getröstet ist, wenn er doch aufgibt.

Marie-Claire Barth-Frommel: Den Entschluss, gemeinsam ein Buch zu schreiben, fassten wir in Indonesien. Das war 2003. Daniel kehrte nach 49 Jahren zum ersten Mal in sein Geburtsland zurück. Abends saßen wir auf der Veranda und schauten dem tropischen Regen zu. Unsere Gespräche handelten von der Schönheit des Lebens, aber auch von Enttäuschungen über Nichtgeschehenes, Abwendungen und Verletzungen, die wir erlitten hatten. Auch die gemeinsame Trauer nach dem frühen Verlust meines Ehemanns und Daniels Vater war Thema. Mit Blick auf unsere Leben und auf das Weltgeschehen schien es uns unmöglich, dem Leiden, das uns Menschen geschieht, immer wieder einen Sinn abzukämpfen.

Barth: Wir sprachen damit auch über das Buch Hiob, das uns immer rätselhafter erschien. Und so machten wir uns an die Arbeit: Als Exegetin erarbeitete meine Mutter den Inhalt des Buches auf der Grundlage des hebräischen Textes, und ich deutete die unbewusste Psychodynamik in der Hiob-Geschichte.

Frage: Was interessiert Sie als Psychoanalytiker an der Geschichte des gottesfürchtigen Hiob aus dem Alten Testament?

Barth: Zuerst war da eine ganz menschliche Erfahrung, unabhängig von meinem Beruf: Mich berührt Hiobs Leiden, ich fühle einen regelrechten Schmerz. Hiob verliert all seinen Besitz und seine Kinder, er erkrankt und wird gedemütigt. Das Verstörende dabei ist, dass es nicht der Teufel ist, der Pfeile in die Nieren des gottesfürchtigen, gerechten und angesehenen Hiob bohrt, sondern Gott selbst. Nur er ist die Ursache für sein Leiden. Und genau das ist der Grund, weshalb Hiob so unerbittlich kämpft und verstehen will, warum ihm all das Leiden widerfährt. Ein Berufskollege meinte unlängst, dass Hiob masochistisch sei.

Frage: Teilen Sie seine Diagnose?

Barth: Nein. Hiob erduldet den Schmerz ja nicht, weil er ihm Lust oder Befriedigung verschafft. Vielmehr sucht er hartnäckig und unter schwierigsten Umständen nach der Ursache, warum er so leiden muss. Er will das Unklare durchdringen und sich regelrecht durcharbeiten, auch wenn er das Ende nicht kennt. Und dabei ignoriert er auch die Ratschläge seiner Freunde.

Frage: Diese trösten ihn, dass Gott einfach zu beschäftigt sei oder ihn für Fehler bestrafe. Wie deuten Sie die doch eher bequemen Antworten von Hiobs Freunden?

Barth: Als Analytiker sind die Freunde für mich Figuren in einer Geschichte und somit auch Teil der Lösung – egal wie hilfreich ihre Antworten sind. Es geschieht immer wieder, dass Freunde mit gut gemeinten Ratschlägen zu helfen versuchen. Das funktioniert häufig, aber eben nicht immer. Manchmal ist das Leid zu groß. In solchen Momenten helfen auch keine psychoanalytischen Konzepte.

Frage: Wie meinen Sie das?

Barth: Ich hatte einmal einen Patienten mit Downsyndrom. Er litt stark unter der Ablehnung, die ihm als Behindertem im Alltag entgegenschlug. Zudem hatte er Schwierigkeiten mit seiner Sexualität, Ängste plagten ihn. Seine Not war enorm. Zu Beginn begegnete ich ihm als Therapeut wie die Freunde von Hiob. Ich griff auf meine Erklärungen und Erfahrungen zurück, die sich in vielen Situationen bewährt hatten. Einige Sitzungen vergingen, die für mich als Therapeuten und auch für den Patienten unbefriedigend waren. Irgendwann realisierte ich: Wenn ich mein psychoanalytisches Wissen und meine bisherigen Erfahrungen in diesem Gebiet nicht aufgebe, werde ich ihm nicht helfen können.

Frage: Ihr Fachwissen war also hinderlich?

Barth: Mein psychotherapeutisches und analytisches Wissen ist wichtig, an diesem Punkt aber brachte es mich nicht weiter. Manchmal gilt es, alle Regeln zu durchbrechen, um eine ganz neue Erkenntnis zu finden. Ich musste mich voll und ganz auf das extreme Leiden meines Patienten einlassen, es also selbst fühlen und hilflos werden – und zugleich weiter glauben, dass sein Leiden aushaltbar und damit veränderbar ist. Ab diesem Zeitpunkt erzielten wir in der Therapie Fortschritte. Ich spreche bewusst von "wir", weil wir uns nun auf der gleichen Ebene begegneten.