Im Februar 2018 stellten wir im Dossier die Frage "Wie antisemitisch ist Deutschland?" – und sammelten Antworten bei denen, die es wissen müssen. Zahlreiche jüdische Menschen erzählten unseren Reportern von ihren Alltagserfahrungen (ZEIT Nr. 6/18). Auch Wolfgang Seibert kam zu Wort, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg bei Hamburg. Seibert sagte, er erlebe derzeit "eine sehr hohe Welle" antisemitischer Anfeindungen. "Es gibt Sachen, die bekomme ich als Jude immer wieder zu hören. Oft sind das Aussagen nach dem Motto 'Ihr Juden glaubt wohl, ihr könnt euch alles erlauben'."

Nun steht fest: Seibert ist gar kein Jude. Sondern ein Hochstapler, der sich eine falsche Identität zusammenfantasiert hat. Der Spiegel hat Seiberts Lügengebäude nach umfangreichen Recherchen zum Einsturz gebracht.

Seibert war 2002 in Pinneberg bei der Gründung der Jüdischen Gemeinde dabei, 2003 wurde er Vorsitzender. Er behauptete, seine Großeltern hätten Auschwitz überlebt, sein Vater sei vor den Nazis nach England geflohen und seine Mutter stamme aus der Ukraine. Alles falsch. In Wahrheit hatte Seibert, Jahrgang 1947, evangelische Eltern, saß wegen Betrug und Unterschlagung im Gefängnis und gab sich in den Achtzigerjahren als "Zigeuner" aus. Vom Spiegel mit den Ergebnissen der Recherchen konfrontiert, kündigte er an, sein Amt niederzulegen.