Plötzlich ist die Bedrohung wieder da. Aus dem Bewusstsein der meisten Menschen war sie lange verschwunden. Aber nun will Donald Trump das Abkommen über die Mittelstreckenraketen aufkündigen. Dieser Vertrag aus dem Jahr 1987 ist für uns Europäer die vielleicht wichtigste Abrüstungsvereinbarung überhaupt. Eine ganze Kategorie von Nuklearwaffen wurde damals verschrottet. Der INF-Vertrag (Intermediate Range Nuclear Forces) war ein Meilenstein in dem Bestreben, die Schrecken des Atomzeitalters zu bändigen. Demnächst könnte er Geschichte sein.

Kehrt damit die "Nachrüstungsdebatte" zurück, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren die Republik aufgewühlt hat? Es war die Stationierung sowjetischer SS-20-Raketen, die den Westen bewog, seinerseits Pershing-II-Raketen und Marschflugkörper (Cruise-Missiles) in Stellung zu bringen. Flugzeit: wenige Minuten. Gegen den Nato-Doppelbeschluss von 1979 machte damals die Friedensbewegung mobil, Hunderttausende demonstrierten auf der Bonner Hofgartenwiese, viele Tausend Rüstungsgegner blockierten die Raketenstandorte.

Der Konflikt heute ist möglicherweise gefährlicher als der Streit damals, auch wenn die Öffentlichkeit lange keine Notiz von ihm nahm. Dabei werfen die Amerikaner Russland schon seit Jahren vor, einen neuen Marschflugkörper zu bauen und inzwischen auch zu stationieren, der gegen den INF-Vertrag verstößt.

Zugleich hat der Kongress in Washington erste Gelder freigegeben, um ähnliche Waffensysteme zu entwickeln. Die Senatoren und Abgeordneten haben Russland bisher härter attackiert als die Regierung Trump. Wenn der Präsident nun mit der Aufkündigung des Vertrages droht, hat er die Parlamentarier auf seiner Seite. Macht Trump seine Ankündigung wahr, ebnet er den Weg für ein neues atomares Wettrüsten.

Verschwunden war die atomare Gefahr nie. Zwar sind die Arsenale kleiner geworden. Aber alle Atommächte haben begonnen, ihre Nuklearwaffen zu modernisieren. Die Raketen und Bomben sind kleiner, präziser und treffsicherer geworden. Die Versuchung, sie eines Tages tatsächlich einzusetzen, ist damit gewachsen.

Während also in aller Stille wieder aufgerüstet wurde, schwieg die Diplomatie. Seit Jahr und Tag hat es keine substanziellen Abrüstungsgespräche mehr gegeben. Das Scheitern des INF-Vertrages zeichnete sich seit dem Jahr 2014 ab, doch die USA und Russland unternahmen keinen ernsthaften Versuch, ihn zu retten.

Schlimmer noch, inzwischen ist auch das Abkommen über strategische Nuklearwaffen in Gefahr, der Vertrag über die Reduzierung jener Monsterraketen, mit denen sich die Vereinigten Staaten und Russland gegenseitig zerstören können. Dieser Vertrag, New Start, wurde 2010 unter Barack Obama abgeschlossen, gegen den Widerstand vieler Republikaner im Senat.

Bisher haben sich Russen und Amerikaner an das Abkommen gehalten, das die Zahl der Atomsprengköpfe auf jeweils 1550 begrenzt. Aber Anfang 2021 läuft New Start aus. Wird der Vertrag nicht verlängert, bricht der wichtigste Stützpfeiler in der Abrüstungsarchitektur zwischen Ost und West weg.

Um Europas Schicksal allein geht es dabei nicht, auch nicht beim INF-Vertrag. Mit China ist eine Atommacht herangewachsen, die Hunderte von Mittelstreckenraketen hat. Russische wie amerikanische Militärs fühlen sich durch den INF-Vertrag eingeengt, denn er bindet die beiden Vertragspartner weltweit. China, Indien, Pakistan oder Nordkorea hingegen haben sich ihm nicht angeschlossen und werden es wohl auch nicht tun.

Nun ist die atomare Übermacht der Amerikaner und Russen so gewaltig, dass ihre Sicherheit durch die anderen Nuklearmächte keine Sekunde lang bedroht ist. Aber so denken die strategischen Planer nicht, sie wollen Abschreckung auf jeder Ebene, bei jedem Waffensystem; sonst entstehe, argumentieren sie, eine Glaubwürdigkeitslücke. So schließt sich der Teufelskreis.

Nichts wäre dringender als die Rückkehr zur Abrüstungspolitik. Stattdessen rüsten alle auf. China, Russland und jetzt mit Macht auch die USA. Donald Trump hat gerade bekräftigt, er werde Amerikas Waffenarsenale ausbauen, bis die anderen "zur Vernunft" kämen.

Wäre er selbst nur der Erste! Aber wer darauf hofft, muss an der eigenen Vernunft verzweifeln.

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