Jamal Khashoggis Verschwinden und verspätet bestätigter Tod treffen im Westen auf ein beispielloses Ausmaß an institutioneller Empörung und konzentriertem Medieninteresse. So lobenswert und berechtigt dies ist, hat die Ermordung eines arabischen Dissidenten in der westlichen Welt selten eine derart intensive Reaktion nach sich gezogen. Im vergangenen Jahr wurde die syrische Journalistin und Dissidentin Orouba Barakat zusammen mit ihrer amerikanischen Tochter Halla in ihrer Wohnung in Istanbul umgebracht. Wie im Fall des jordanischen Journalisten Nahed Hattar (2016 erschossen) und des syrischen Journalisten Nadschi al-Dscherf (2015 erschossen) erregte ihre politisch motivierte Ermordung nur einen Bruchteil der medialen Aufmerksamkeit, die Khashoggis vorzeitigem Ende entgegengebracht wird.

Trotz dieser konzentrierten Berichterstattung über Khashoggis Tötung wissen wir immer noch nicht genau, was mit ihm geschehen ist. Türkische Stellen beharren darauf, dass er auf grausige Weise im Konsulat ermordet wurde, saudische Offizielle beharren darauf, dass er versehentlich bei einer Schlägerei ums Leben kam. Im Zentrum dieses öffentlichen Sturms bleibt trotz aller Meldungen, Kommentare und des ganzen Wirbels ein großes Loch der Ungewissheit, in dem Spekulationen und einander widersprechende Narrative sprießen.

Hier in Kuwait, wo ich diese Zeilen schreibe, kann der Fall Khashoggi in der Presse nicht thematisiert werden. In den öffentlichen Medien wird dieses düstere und verstörende Ereignis nach den Maßgaben zur Wahrung der "Solidarität" in den Beziehungen zwischen den Golfstaaten totgeschwiegen. Im Privatleben sieht es jedoch anders aus. Bei nicht öffentlichen Zusammenkünften fallen geflüsterte Vergleiche mit den politischen Mordanschlägen unter dem gefürchteten irakischen Tyrannen Saddam Hussein. Neulich saß ich in einem Café unter einem dröhnend lauten Fernseher, der einen türkischen Bericht über die mutmaßlichen saudischen Killer zeigte. Sie sollen einen Zwischenstopp auf dem Istanbuler Basar eingelegt haben, um zusätzliche Koffer zu kaufen, die, so der Tenor, zur Beseitigung des Leichnams dienen sollten. Der Mann neben mir nickte und bestätigte sarkastisch: "Eines ist sicher, auf dem Basar in Istanbul Koffer zu kaufen ist viel billiger als in Saudi-Arabien!"

Diese greifbare Spaltung zwischen öffentlicher und privater Rede ist ein altbekanntes Kennzeichen der arabischen Zivilgesellschaft. Nur auf der Ebene von Humor, Erzählkunst und Allegorie können Themen behandelt werden, die verboten, tabu und zu gefährlich sind, als dass man sie in der Öffentlichkeit anschneiden würde.

Ich werde deshalb nicht über den Tod von Jamal Khashoggi sprechen, sondern stattdessen von der Ermordung eines Schriftstellers vor 1.200 Jahren, der dem Zorn eines Herrschers am mächtigen Hof der Abbasiden zum Opfer fiel.

Bei dieser historischen Figur handelt es sich um Abdullah ibn al-Muqaffa’, der – wie Khashoggi – ein Autor, Reformer und Berater der Herrscher seiner Tage war. Das bekannteste Werk des Ibn al-Muqaffa’ ist eine Sammlung von Tierfabeln mit dem Titel Kalila und Dimna, die als Ratgeber für den Kalifen, als literarischen Spiegel für den Herrscher also, gedacht war und auch heute noch Kinder in der ganzen arabischen Welt ergötzt. Ibn al-Muqaffa’ war zugleich einer der ersten Märtyrer der Meinungsfreiheit in der Geschichte des Islams. Wie die Chroniken berichten, wurde der Autor, der mit dem Kalifen in Konflikt geraten war, in das Haus des Bürgermeisters von Basra eingeladen. Zeugen sahen ihn, wie er am helllichten Tag die Residenz des Bürgermeisters betrat. Er verließ sie nie wieder. Über diesen letzten Anblick hinaus – der auf ungute Weise den geisterhaften Aufnahmen einer Überwachungskamera ähnelt, die zeigen, wie Khashoggi vom Bürgersteig aus das saudische Konsulat in Istanbul betritt – hat die Geschichte keinen weiteren Beweis für die Ermordung von Ibn al-Muqaffa’. Der Mann verschwand einfach, sein Leichnam wurde nie gefunden. Je weniger faktische Anhaltspunkte für sein Schicksal es jedoch gab, desto entsetzlicher wurden die fantasierten Schilderungen der Folter, der er im Haus des Bürgermeisters unterzogen worden war. Ibn al-Muqaffa’, so wird erzählt, wurden die Augenlider aufgeschlitzt, damit er miterlebte, wie seine abgetrennten Körperteile in einen Brotbackofen geschoben wurden.

Die Parallelen zwischen den Umständen von Khashoggis Tod und denen des Kämpfers für Redefreiheit aus dem 9. Jahrhundert sind reine Spekulation – die Allegorie reicht aber noch weiter.