Einen Tag bevor der türkische Präsident sich offiziell zu dem Mord äußern wird, der gerade die Machtverhältnisse im Nahen Osten ins Wanken bringt, gelangen weitere grausige Einzelheiten an die Öffentlichkeit. Jamal Khashoggi sei keineswegs im Zuge eines schiefgelaufenen Verhörs umgekommen. Man habe ihn vielmehr sofort ins Büro des Konsuls gebracht, überwältigt und erwürgt. Etwa sieben bis acht Minuten habe das gedauert, schreibt der gut vernetzte Journalist Abdulkadir Selvi in der türkischen Tageszeitung Hürriyet. Dann sei Khashoggi ein Finger abgeschnitten worden, um über seine Apple Watch Zugang zu seinem iPhone zu bekommen. Einer der Agenten, ein Gerichtsmediziner, habe den Körper Khashoggis anschließend in 15 Teile zerlegt. Am selben Tag berichtet CNN aufgrund türkischer Informationen, ein saudischer Agent sei nach dem Mord in den Kleidern Khashoggis durch Istanbul gelaufen, um dessen Überleben zu fingieren. Später werden der britische Sender Sky News und die israelische Zeitung Ha’aretz melden, Teile des Leichnams Khashoggis seien im Garten des Konsuls gefunden worden. Ebenfalls in Ha’aretz wird enthüllt, dass der engste Berater des saudischen Kronprinzen die Ermordung per Skype live verfolgt und die Agenten angewiesen habe: "Bringt mir den Kopf dieses Hundes."

Um die Ermordung des saudischen Journalisten Khashoggi ist ein Informationskrieg entbrannt. Erdoğan zeigt sich als Meister darin, die Saudis und ihre amerikanischen Paten mit gezielten Leaks vor sich herzutreiben. Alle Details stammen aus gut informierten türkischen Kreisen, die niemals ohne Autorisierung handeln würden. Kaum haben die Saudis eine neue Erklärung vorgelegt, wird sie aus Ankara als Lüge entlarvt.

Khashoggis Tod in Istanbul und das Drama um seine Aufklärung haben tiefere Gründe, sie liegen im Kampf um die Vorherrschaft in der Region.

Vielleicht wird man nie die ganze Wahrheit über die Ermordung Khashoggis erfahren. Eines steht fest: Die Saudis haben mit ihrer ruchlosen Tat dem türkischen Präsidenten Erdoğan eine Gelegenheit gegeben, ihren Führungsanspruch in der Welt des sunnitischen Islams herauszufordern.

Erdoğans Kalkül

Er macht das geschickt. Am Dienstag dieser Woche, auf den Tag genau drei Wochen nach Jamal Khashoggis Verschwinden im Istanbuler Konsulat, steht Recep Tayyip Erdoğan am Redepult vor der Fraktion seiner AKP. "Weitreichende Erkenntnisse" hatte er angekündigt – und die Welt wartete gespannt. Er kondoliert Khashoggis Familie, seiner türkischen Verlobten, dem saudischen Volk und, ja, auch "der Medienwelt" zum Verlust eines Kollegen. Er referiert den Stand der türkischen Ermittlungen und wischt alle bisherigen saudischen Erklärungen beiseite: Khashoggi wurde brutal ermordet. Dieser Mord war geplant, sagt der Präsident, und es war ein politischer Mord.

Erdoğan führt so den wichtigsten arabischen Partner des Westens als unberechenbares Risiko vor und wahrt zugleich die Chance, dem Westen wieder ein Stück näher zu kommen. Seine Genugtuung über diese Wendung ist ihm anzumerken. Im August erst hatte US-Präsident Trump mit Sanktionen die türkische Lira auf Talfahrt geschickt, um die Freilassung des evangelikalen Pastors Brunson aus türkischer Haft zu erreichen. Nun hat sich das Spiel gedreht, und Erdoğan hält Trümpfe gegen Saudi-Arabien in der Hand, gegen jenen Akteur, auf den Trump seine gesamte Nahost-Strategie ausrichtet. Erdoğan geht es um den Einfluss in der Region, die zwischen Aufständen, Bürgerkriegen und massiven Repressionswellen nicht zur Ruhe kommt – und in der Ankara und Riad zwei entgegengesetzte Pole bilden. Zwischen diese beiden Pole ist Jamal Khashoggi geraten.

Khashoggis Streit mit dem Kronprinzen

Es ist zu schlicht, wenn Khashoggi einfach nur als ein unabhängiger Kopf dargestellt wird, der sich für Reform und Demokratie in seiner Heimat eingesetzt hatte und darum aus dem Weg geräumt wurde. Das erklärt weder den Ort des Geschehens noch die besondere, verstörende Grausamkeit, mit der die saudischen Agenten vorgingen.

Und es erklärt auch nicht, warum ausgerechnet der türkische Präsident, in dessen Gefängnissen über 100 Journalisten festgehalten werden, sich nun für einen kritischen Kolumnisten einsetzt.