Der Kaiser geflohen, seine Residenzstadt in den Händen der aufständischen Bürger, Studenten und Arbeiter. Zwei Wochen lang scheint vor 170 Jahren der Traum vom Ende des feudalen Absolutismus wahr geworden zu sein. Dann, am 24. Oktober 1848, beginnt der alles entscheidende, überaus zähe und verlustreicher Endkampf um das revolutionäre Wien. Es ist die Stunde eines Generals, der heute nahezu in Vergessenheit geraten ist: Józef Bem, ein Artillerieoffizier aus dem Kronland Galizien, ist den aufständischen Wienern zu Hilfe geeilt.

Schon in den Märztagen des Revolutionsjahres 1848 hatten die Bürger damit begonnen, sich gegen Habsburg, gegen das verhasste und polizeistaatliche "System Metternich" zu erheben. Damit schlitterte die Donaumonarchie in einen blutigen Bürgerkrieg, in der ungarischen Reichshälfte herrschte offener Aufruhr. Das Kaisertum Österreich war an den Rand seines Zerfalls geraten.

Der kaiserliche Hof seinerseits verfolgte eine ebenso riskante wie zynische Strategie, die den aufkeimenden Nationalismus im Vielvölkerreich für seine Zwecke instrumentalisierte: Er verbündete sich, nachdem deren radikaler Flügel ausgeschaltet worden war, mit den Tschechen gegen die revolutionären Deutschen, er schürte die bewaffnete Erhebung der Kroaten gegen die aufständischen Magyaren, und er ernannte Anfang Oktober den kroatischen Banus (Vizekönig) Joseph Graf Jelačić von Bužim zum Statthalter und Oberkommandierenden der kaiserlichen Truppen in Ungarn. Der rebellische ungarische Reichsrat wurde für aufgelöst erklärt.

Dagegen erhoben sich nun die Arbeiterschaft, die Akademische Legion, die Nationalgarde Wiens – schien doch das Schicksal der Wiener und der magyarischen Revolution auf das Engste verknüpft zu sein.

Der Abmarsch eines Bataillons Richter-Grenadiere nach Ungarn wird unterbunden, Kriegsminister Theodor Graf Baillet von Latour von einem revoltierenden Mob gelyncht, der kaiserliche Hof erneut, zum zweiten Mal in diesem Jahr, zur Flucht gezwungen, diesmal ins mährische Olmütz. Die Wiener Revolution ist in ihr letztes, ihr plebejisches, jakobinisches Stadium eingetreten.

Zugleich aber reorganisiert der Hof von Olmütz aus überaus effizient die Kräfte der Konterrevolution. Unter der Führung des kommandierenden Generals von Prag, Alfred Fürst Windisch-Graetz, wird eine schlagkräftige Armee um Wien zusammengezogen und über die Stadt der Belagerungszustand verhängt. Dem kaiserlichen Aufgebot schließt sich Jelačić mit seinen vor allem aus den Reihen der berüchtigten kroatischen Serežani ("Rotmäntel") rekrutierten Grenzlandtruppen an. Einer Okkupationsarmee in der Stärke von 100.000 Mann stehen geschätzte 15.000 desorganisierte, schlecht ausgerüstete, militärisch kaum ausgebildete Verteidiger gegenüber. Sie sind in den sogenannten Mobilgarden zusammengefasst, den in aller Eile aufgestellten Wehrformationen der radikalen Demokratie. Sie bestehen beinahe ausschließlich aus Arbeitern, die in den Manufakturen und frühindustriellen Fabriken der Vororte schuften. Ihnen schließen sich auch Frauen in größerer Zahl an. Den Großteil der kommandierenden Offiziere stellt die studentische Akademische Legion. Eine Art oberste Koordinationsfunktion aber liegt bei einem seit zwei Wochen in der Stadt befindlichen polnischen Berufsrevolutionär, General Józef Bem. Der Mann aus dem äußersten Osten des Habsburger-Reiches hat sein Handwerk an der Artillerieschule in Warschau gelernt. Nun zeichnen sich unter seiner Führung die mobilen Garden in den Barrikaden- und Straßenkämpfen der letzten Oktobertage durch ein besonderes Maß an Widerstandskraft und Todesverachtung aus. Das wird einen lange währenden (heutzutage allerdings weitgehend verblassten) Mythos der Wiener 48er-Revolutionäre begründen.

Bem selbst leitet am 28. Oktober die Verteidigung der mächtigen, an sensibler strategischer Stelle errichteten Sternbarrikade in der Jägerzeile (heute: Praterstraße), die nach zweistündigem Artilleriebeschuss und einem neunstündigen erbitterten Häuserkampf aufgegeben werden muss. Von zwei Gewehrkugeln getroffen und gerade noch rechtzeitig begibt sich der polnische General in das Am Hof gelegene Gebäude des Hofkriegsrates, wo seine Wunden im ehemaligen Zimmer des Grafen Latour provisorisch verarztet werden. Noch um ein Uhr früh wird er in einem Fiaker in das Gasthaus Zum Apfel auf der Wieden gebracht. Dann verliert sich seine Spur in der gespenstisch erhellten Nacht des brennenden Wien.