DIE ZEIT: Herr Langer, Sie sind leitender Therapeut der psychosomatischen Kinderstation, auf der die Dokumentation Elternschule gedreht wurde. Seit drei Wochen werden Sie im Netz mit Hass überschüttet. Überrascht Sie das?

Dietmar Langer: Total. Mit einem Shitstorm hat niemand gerechnet. Es gab vorher einige Preview-Veranstaltungen, wo wir positive Reaktionen bekommen haben, gerade auch von Fachleuten.

ZEIT: Wie stark war Ihr Einfluss auf den Film? Man sieht darin rasende Kinder, verzweifelte Eltern, das Klinikpersonal wirkt auf viele autoritär.

Langer: Führung hat mit autoritärem Verhalten nichts zu tun. Die Familien sind verzweifelt, ja. Bei uns bekommen sie Hilfe in einer ausweglosen Situation. Dies zeigt der Film auf unverfälschte Weise. In den Schnitt oder die Auswahl der Szenen haben wir uns nicht eingemischt.

ZEIT: Mit welchen Methoden arbeiten Sie?

Langer: Mit Verhaltenstherapie, systemischer Familientherapie und Gesprächspsychotherapie. Wenn es um die Vorgeschichte der Eltern geht, mit Tiefenpsychologie. Kurzum: Wir arbeiten wie jede andere psychosomatische Klinik. Das Besondere an unserem Programm ist, dass wir nicht nur das Kind, sondern auch dessen Hauptbezugsperson durchgehend stationär mit aufnehmen. Wir beziehen die Partner mit ein, manchmal sogar die Großeltern. Ein Riesenaufwand. Wir betreuen die Familien danach bis zu anderthalb Jahre weiter und haben gute langfristige Erfolge.

ZEIT: Im Netz bezichtigen Sie nun viele der schwarzen Pädagogik. Ganz besonders die Vertreter der Attachment-Parenting-Szene, deren Erziehungsideal auf Nähe und Bindung zielt.

Langer: Bindung ist auch bei uns das Kernthema. Aber zu uns kommen Familien mit chronischen Stresserkrankungen. In diesen Familien hat sich die sichere Bindung durch die Erkrankung aufgelöst. Das heißt nicht, dass sich die Eltern nicht liebevoll um ihr Kind gekümmert haben, die sind nur schon zu lange in der Stressfalle. Und jemand, der gestresst ist, kann ein Kind nicht mehr adäquat beruhigen. Eltern und Kind schaukeln sich nur noch hoch. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich die Erkrankungen auflösen, wenn sich die Bindung wieder herstellt. Wahrscheinlich sind wir die einzige Klinik, die täglich für jedes Kind und die Bezugsperson Bindungssicherheit und Bindungsqualität überprüft. Wir entlassen ein Kind dann, wenn die Daten zeigen, dass es eine gute Prognose hat, stabil zu bleiben.

ZEIT: In Elternschule sind dramatische Trennungsmomente zu sehen. Etwa, wenn Eltern ihre Kinder in der Mäuseburg abgeben, einer Art Spielzimmer, und die Kinder wie verrückt schreien. Man denkt: Jede Kita kriegt das besser hin.

Langer: Bei diesen Erkrankungen spielen sich in allen Regulationsbereichen dramatische Szenen ab, beim Schlafen, Essen, Zubettgehen. Deshalb übernehmen wir in diesen Situationen zeitweise die Betreuung der Kinder, damit die Bezugsperson sich mal erholen und nach einiger Zeit wieder entspannter mit dem Kind umgehen kann. Diese Situationen werden von uns sorgsam vorbereitet. Anfangs dürfen die Eltern ihre Kinder gar nicht in der Mäuseburg abgeben, sie dürfen nur gemeinsam da rein und sind auch sonst ständig zusammen. In der ersten Woche lassen wir uns viel Zeit, wir beobachten die Interaktionen zwischen Kindern und Eltern und stellen erst mal eine Beziehung zu ihnen her. Die Idee ist, dass wir, die Ärzte, Therapeuten und Krankenschwestern, zu Bezugspersonen für die Kinder werden.

ZEIT: Für besonders viel Empörung sorgt eine Szene, in der eine Krankenschwester einen kleinen Jungen nach einem abgebrochenen Essversuch lange schweigend festhält, der Vorwurf lautet: Zwangsfütterung.

Langer: Es gibt keine Zwangsfütterung bei uns. In der Szene geht es darum, Ruhe in die Interaktion reinzubringen. Sie müssen sich vorstellen, was das für Kinder sind, die zu uns kommen. Die gebärden sich wie wild, hauen ihren Kopf auf den Boden, sind kaum zu halten – die müssen Sie aber zeitweise mal halten, damit sie sich nicht verletzen. Das hat wirklich mit Haltgeben zu tun.

ZEIT: Aber Schlafprobleme haben doch zum Beispiel viele Kinder. Pathologisieren Sie damit nicht normales Verhalten?

Langer: Es gibt klare Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, ab wann ein Schlafproblem behandlungsbedürftig ist. Daran halten wir uns. Grundsätzlich gilt: In unsere Abteilung kann nur jemand kommen, wenn alle ambulanten medizinischen und therapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden. Für viele Familien sind wir die letzte Rettung. Und ja, der Begriff Schlaftraining lässt viele Leute hochgehen, aber er hat sich halt eingebürgert. Dass man Schlaf gar nicht trainieren kann, ist klar. Bei unseren Familien ist die Situation teils so verfahren, dass sie auch nachts nicht mehr entspannen können. Kind und Bezugsperson sind völlig erschöpft. Darum übernehmen wir die nächtliche Betreuung des Kindes. Wenn das Kind sich nachts meldet, trösten wir es natürlich.

ZEIT: Solche Trostszenen sieht man im Film aber nicht. Fühlen Sie sich betrogen?

Langer: Der Film ist nun mal kein Lehrfilm, er ist eher ein Kaleidoskop. Er kann nicht alles zeigen, was wir auf der Station machen: etwa jeden Tag Entspannung und autogenes Training mit den Bezugspersonen, Fantasiereisen mit den Kindern, spieltherapeutische Maßnahmen. Die Atmosphäre im Alltag gleicht eher der einer Jugendherberge, es wird auch viel gelacht. Genauso wenig zeigt der Film die therapeutische Arbeit mit den Eltern, die intensive psychologische Arbeit an den Ursachen und traumatischen Erfahrungen. Der Film wird von manchen offenbar als pädagogische Anleitung verstanden, so ist er aber nicht gemeint. Er ist keine Blaupause für den Alltag zu Hause.

ZEIT: Der Verleih wirbt damit, dass der Film ein Muss für alle Eltern sei. Unschuldig ist die Vermarktung also nicht an den Missverständnissen.

Langer: Mag sein. Trotzdem sollte man fair bleiben. Es gibt kaum eine Dokumentation, die keine Fragen aufwirft. Jeder kann zu uns kommen und mit uns reden, wir sind offen. Das hat bisher aber keiner der Kritiker getan.

ZEIT: Sind Sie noch froh, dass es den Film gibt?

Langer: Der Film ist genial, weil er vielschichtig ist. Er nimmt den Betrachter mit durch die emotionalen Prozesse, die die Patienten während einer Therapie durchlaufen. Genau deswegen benötigen Therapeuten die Fähigkeit zur Selbstreflexion, damit sie sich nicht reflexhaft in den emotionalen Strudel einer chronischen Erkrankung hineinziehen lassen. Es sollte jetzt endlich eine sachliche Diskussion stattfinden. Ich hatte gehofft, dass der Film den psychosomatischen Aspekt in der Arbeit mit chronischen Stresserkrankungen bei Kindern in den Vordergrund rückt. Denn Familien wie die aus Elternschule fallen oft durch alle Maschen des Gesundheitssystems.