Der große Schauspieler Edgar Selge ist, von seiner Erscheinung her, kein Königsdarsteller. Dazu hat er zu viel Unruhe in sich. Er ist der Untertan seiner Sinne, die ihm andauernd Alarmsignale liefern. Schmal und wachsam ist sein Gesicht. Würde man es auf eine Münze prägen, müsste man es in dem Moment zeigen, wo es sich umwendet: nach dem Dieb, der sie stehlen will. Man stellt sich Selge weniger als einen Herrscher vor, der im Inneren des Schlosses auf seinem Thron sitzt, sondern eher als den Eckensteher, der draußen, zu Füßen der Festung, sein Ohr an die Mauern presst und lauscht, was drinnen gesprochen wird.

Wenn Selge jetzt den König Lear von Shakespeare spielt, einen lebenslangen, selbstgewissen, egozentrischen Herrscher, der auf einen Schlag und durch eigene Torheit sein Reich, seine Familie, sein Weltvertrauen verliert, so zeigt Selge diesen Absturz nicht als einen unerwarteten Verlust. Man hat eher den Eindruck, es erfüllt sich, was schon in dem Charakter dieses Königs angelegt war. Ja, vielleicht führt Selges Lear den Eklat nicht ohne Lust herbei, weil er seine Macht, den Daseins-Überbau endlich abwerfen will.

Lear ist ein Stück über das Erben, über die Hölle, die in Familien losbricht, wenn das Reich eines Alten in Fetzen geht. Und die Fetzen den Jungen zufallen.

Der König wagt ein Experiment, das ihm wohl schon länger im Kopf herumging: Wie würde sich, so die Ausgangsfrage, mein Reich verändern, wenn ich mich selbst als Symbol und Siegel des Staates, als Vater und König meines Volkes aus dem Spiel nehme und entwerte? Als sei es durch Schläue möglich, den eigenen Tod zu überspringen, vererbt er zu Lebzeiten seinen ganzen Besitz – um dann in Würde sein Nachleben zu genießen.

Das Experiment geht übel aus. Zwei seiner Töchter, Regan und Goneril, nehmen dem enterbten Alten alle Würde, die dritte, die ihn liebt, Cordelia, nimmt ihm arglos alle Hoffnung. Dennoch kann man sagen: Lear würde in die Zeit seiner Herrschaft nicht zurückwollen. Zwar wird er durch den Machtverlust vollends verrückt. Aber er wird auch frei. Denn glücklich war er in seiner Herrschaft nicht. Wie eine Figur von Samuel Beckett, ein zäher, unerlösbarer Hagestolz, geht Selge zu Beginn der Aufführung schweigend und allein die Grenzen seines Reichs ab. Reich ist zu viel gesagt. Es ist nur ein fenster- und türenloser Raum, in dem der König, sein Revier sichernd, füchsisch dahinschnürt. Als Lears Töchter auf die Bühne springen, sieht der König mit scheelen Seitenblicken, wie sie sich Raum schaffen. Er misst sie mit kalter Erwartung, als wären sie das allerübelste Gelichter.

Der Bühnenbildner Johannes Schütz lässt den Spielraum nach vorn, zum Publikum hin kippen, und man ahnt, dass hier bald nur ein Herrscher das Sagen haben wird: der Wahnsinn. Es ist eine geschlossene Anstalt für einen König und seine Familie. In einen Winkel der Bühne ist ein schief gebautes, von einer Pianistin traktiertes Piano hineingeschoben worden, dessen linke Seite höher als die rechte ist – ein in seinen Proportionen verzerrtes Instrument, welches exakt wie ein Spund in diese aus den Fugen geratene Welt hineinpasst.