Wie erstarrt wirkt die deutsche Politik in diesen Tagen, und die große Koalition ist zum Synonym für diese Erstarrung geworden. Zugleich aber sind die politischen Verhältnisse so dynamisch wie selten, denn es geschehen Dinge, die man vor Kurzem noch für undenkbar gehalten hätte. Zum Beispiel, dass die beiden Parteien, die zusammen die große Koalition bilden, in den jüngsten Umfragen gerade noch auf 40 Prozent kommen. Das ist die Hälfte dessen, was Union und SPD vor zwanzig Jahren erreichten, als sie noch gemeinsam und gegeneinander das politische System der Bundesrepublik dominierten. Seither schien vor allem die SPD im Niedergang. Umso dramatischer trifft es nun auch die Union.

Es gehört nicht allzu viel analytische Fantasie dazu, die Erstarrung der Regierungskoalition und die Dynamik der sich verändernden politischen Kräfteverhältnisse in Beziehung zu setzen. Der atemberaubende Abwärtstrend der Volksparteien wäre dann auch eine Folge ihrer immer mühsameren, widerwilligen Kooperation. Kein Wunder, dass in beiden Parteien die Frustration zunimmt. Die Aussicht, die große Koalition könnte sich bis zum regulären Ende der Legislaturperiode dahinschleppen, ist nicht nur bei ihren politischen Gegnern zum Albtraum geworden.

In diesem Sinne ließe sich auch das Wahlplakat der hessischen Grünen mit dem Slogan "Tarek statt Groko" interpretieren, mit dem ihr Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir um Stimmen bei der Landtagswahl am kommenden Sonntag wirbt. Dabei zielt die Botschaft gar nicht auf den Bund, sie ist ganz und gar landespolitisch gemeint: Wer in Hessen die CDU wähle, mit der die Grünen dort seit fünf Jahren koalieren, könne unbeabsichtigt einer großen Koalition ins Amt verhelfen, weshalb Anhänger von Schwarz-Grün ihre Stimme besser den Grünen geben sollten.

Doch weil sich nach der Bayernwahl sowohl der Abwärtstrend von CDU und SPD als auch der Aufwärtstrend der Grünen in den Umfragen noch einmal verschärft haben, ist ein ganz anderes Szenario denkbar geworden. Die Grünen könnten auch in Hessen zweitstärkste Kraft werden und sich dann aussuchen, ob sie lieber als Juniorpartner der CDU oder als Anführer eines grün-rot-roten Bündnisses weitermachen wollen.

Mit dem Ende der CDU-geführten Regierung würde der Wahlslogan "Tarek statt Groko" plötzlich seine bundespolitische Bedeutung gewinnen. Denn ihre Partei würde vor allem Angela Merkel die hessische Niederlage anlasten, und in der SPD wäre der Koalitionsfrust kaum mehr einzudämmen. Mit einem Ministerpräsidenten Tarek Al-Wazir in Hessen stünden im Bund Kanzlerin und Koalition auf der Kippe.

Aber so war es ja wirklich nicht gemeint. Die Grünen haben mit der hessischen CDU nicht nur fünf Jahre lang überraschend geräuschlos regiert, sie wollten dieses Bündnis auch fortsetzen. Wenn allerdings das Wahlergebnis einen zweiten grünen Ministerpräsidenten möglich machen würde, könnte die Ökopartei wohl kaum darauf verzichten.

Sicher könnte eine Linkspartei, die ihre Regierungsunwilligkeit schon während der Verhandlungen auf die Spitze triebe, ein solches Bündnis torpedieren. Andererseits hat Al-Wazir bereits einmal, im Sommer 2008, mit den Linken eine Tolerierungsvereinbarung für eine rot-grüne Minderheitsregierung ausgehandelt, die dann allerdings nicht an den Linken, sondern an vier Dissidenten aus der SPD-Fraktion scheiterte. Damals, in den heraufziehenden Zeiten unübersichtlicher Mehrheitsverhältnisse, hat Al-Wazir die Formel "Keine Ausschließeritis!" erfunden. Vielleicht darf er sie nun auf spektakuläre Weise einlösen.