Kurz bevor die Stresemannstraße stadtauswärts unter der Sternbrücke durchführt, zeigt sich, wie die umstrittenste Umweltschutzmaßnahme der Stadt wirkt – und ob sie es überhaupt tut. Im schmutzig-grünen Stahlcontainer mit der Aufschrift "Luftmeßnetz Hamburg" wird fortlaufend die Belastung der Gehwegluft mit dem gesundheitsschädlichen Reizgas Stickstoffdioxid (NO₂) gemessen. Seit Ende Mai gilt hier auf den gut anderthalb Kilometern zwischen Neuem Pferdemarkt und Kaltenkircher Platz ein Fahrverbot für Lastwagen mit älteren Dieselmotoren.

Was es bringt? Im vergangenen Monat hat die Stadt hier zeitweise bis zu 140 Mikrogramm NO₂ gemessen – im Durchschnitt trug ein Kubikmeter Luft 45 Mikrogramm NO₂ in sich. Der gesetzliche Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm, er gilt für den Durchschnitt aller Monate eines Jahres. Verbrennungsmotoren sind die Hauptquelle von Stickstoffdioxid, besonders Dieselmotoren. Das reizende Gas wird mit Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen in Zusammenhang gebracht. An der Stresemannstraße, kurz vor der Sternbrücke, waren davon im vergangenen Jahr durchschnittlich 48 Mikrogramm in einem Kubikmeter Luft. Jetzt also 45 im September – ein deutlicher Rückgang sähe anders aus.

Was das Fahrverbot ansonsten bringt? Lange Umwege für die Lasterfahrer, sofern sie sich überhaupt an die Beschilderung halten. Jene, die stadteinwärts auf der Stresemannstraße unterwegs sind, müssen jetzt am Kaltenkircher Platz nach Norden ausweichen, um dann der Fruchtallee zu folgen. Dort steigt die Abgasbelastung.

Hier, an der Kreuzung Fruchtallee/Doormannsweg, hat die ZEIT einen von 20 sogenannten Passivsammlern angebracht, ein zeigefingergroßes Messröhrchen aus Kunststoff, um die Belastung der Luft zu ermitteln. Die Auswertung nach genau einem Monat Messung ergab einen Wert von 64,3 Mikrogramm Stickstoffdioxid. Das sind anderthalbmal so viel wie an der Stresemannstraße. Und mehr als anderthalbmal so viel wie aus gesundheitlichen Gründen im Jahresschnitt erlaubt.

Gerne wüsste man: War die Belastung hier schon immer so hoch? Oder ist sie erst durch den Ausweichverkehr gestiegen? Niemand kann das sagen, denn das Luftmessnetz der Stadt hat gewaltige Lücken. Weder an der Kreuzung Fruchtallee/Doormannsweg steht ein grüner Container mit amtlichen Messgeräten noch an den allermeisten anderen Hamburger Straßen. Ganze vier "Verkehrsstationen" zählt das Luftmessnetz: Außer an der Stresemannstraße stehen sie in der Max-Brauer-Allee, an der Kieler Straße und an der Habichtstraße. Dazu kommen elf Hintergrund- und Ozonstationen, aufgestellt teils weit außerhalb der City.

Eigene Messungen, Hamburger Luftmessnetz © ZEIT-Grafik

Deshalb hat die ZEIT im September an 20 exemplarischen Orten in Hamburg eigene Messröhrchen angebracht. Wir wollten wissen: Wie stark ist die Belastung? Wie sieht es dort aus, wo die Stadt nicht misst?

Die Messung zeigt "sehr hohe Werte", teilt das Labor mit

"Ihre Sammler zeigen in der Tat sehr hohe Werte", schreibt uns nach der Analyse die Gründerin der Passam AG in der Schweiz, die seit 30 Jahren Luftgütemessungen im Auftrag von Gemeinden und Industrieunternehmen durchführt. Von Passam stammen die Röhrchen und ihre Auswertung. Den höchsten Wert ergab der Sammler, den wir an den Landungsbrücken befestigt hatten, direkt an Brücke 3, wo die Hafenfähren ablegen: 89 Mikrogramm im Monatsschnitt, ein abenteuerlich hohes Ergebnis. Es belegt ein speziell hamburgisches Problem, die Belastung der Luft durch Schiffsabgase. Doch auch die Sammler, die wir an Kreuzungen und viel befahrenen Straßen aufgehängt haben, zeigten häufiger Über- als Unterschreitungen der 40-Mikrogramm-Marke (siehe Karte): 55,8 Mikrogramm waren es zum Beispiel an der Alster, gemessen vor dem Hotel Atlantic. 49,8 waren es vor dem Hauptbahnhof. Offenkundig wird die Marke an vielen Punkten in der Stadt überschritten.

Was sagt das aus? "Bei Stickoxiden muss man immer bedenken, dass die Belastungen auf kleinstem Raum stark schwanken können", sagt Benjamin Michen, Forschungsleiter bei Passam. "Im Extremfall unterscheiden sich die Werte auf gegenüberliegenden Straßenseiten stark voneinander." Das gilt für alle Messungen, auch für die amtlichen. Die städtischen Container erzeugen ständig Messdaten, die Passivsammler basieren auf einer anderen Technik und sagen etwas über das Mittel eines Zeitraums aus. Wir haben die Messperiode von Anfang bis Ende September gewählt, weil auch die Stadt Monatswerte veröffentlicht. Aber sind die Ergebnisse wirklich vergleichbar?