Zur Unternehmerin wurde Agnieszka Liszka-Dobrowolska, weil sie ein dringendes Problem lösen musste. 2015 war sie Mutter von Zwillingen geworden. Im Winter darauf hing in Warschau eine Woche lang der Smog so dicht in den Straßen, dass sie sich mit den beiden Kindern nicht mehr vor die Tür traute und sogar die Luft im Schlafzimmer die Grenzwerte um ein Mehrfaches überschritt. "Es gab keine Masken, keine Filter, keine Messgeräte", sagt sie. Also gründete Liszka-Dobrowolska einen Internetversand für Atemschutzartikel. Sie nannte ihn "Atmen ist Leben". Schon bald waren ihre Produkte so gefragt, dass sie jede Nacht 30 bis 50 Pakete packte.

"Inzwischen kann ich mit dem Versand meine Familie ernähren", sagt die Gründerin. "Zumindest von Oktober bis März, wenn in den polnischen Städten und Dörfern die Luft dick ist." Fünf Angestellte hat sie nun, die 500 Pakete im Monat verschicken. Der Inhalt: Messgeräte für die Schadstoffbelastung der Luft, Filtersysteme und Atemmasken. Die Schutzgeräte filtern mit Spezialgewebe und Aktivkohle die schlimmsten Partikel aus der Luft. Es gibt sie in allen Größen und Farben, in Blau und Pink, aseptisch in Weiß. Manche zeigen Prinzessinnen, Krieger, Dinos oder sind im Camouflage-Look.

Für den Erfolg von Liszka-Dobrowolskas Geschäft gibt es einen einfachen Grund: die polnische Energiepolitik. Das Land, das im Dezember Gastgeber der UN-Klimakonferenz sein wird, ist von der Kohle abhängig. Rund 80 Prozent des Stroms wird in Kraftwerken produziert, die Ruß, Kohlendioxid, Quecksilber und andere Schadstoffe in die Luft blasen. Doch langsam scheint sich etwas zu ändern – und das liegt auch an Menschen wie Liszka-Dobrowolska.

Auf der Klimakonferenz im Dezember werden die Vertreter von knapp 200 Ländern darüber beraten, wie sie den CO₂-Ausstoß verringern können. In den polnischen Städten ist zu besichtigen, wohin es führt, wenn man von der Kohle abhängig ist. Nicht nur bei der Stromversorgung kommen fossile Brennstoffe in Polen zum Einsatz. Auch viele Privathaushalte heizen mit Kohle. Gerade in den Wintermonaten hängen die schwarzen Rauchschwaden über den Kaminen. Jährlich sterben nach Zahlen der polnischen Regierung etwa 19.000 Menschen an der schlechten Luft. Und der wirtschaftliche Schaden durch die Luftverschmutzung beträgt demnach wegen Gesundheitskosten, Todesfällen und Schäden an Gebäuden 12 bis 30 Milliarden Euro im Jahr, wie ein Bericht der Regierung festgestellt hat.

Agnieszka Liszka-Dobrowolska hat früher selbst in der Regierung gearbeitet. "Luftverschmutzung war nie ein Thema, sie war einfach da", sagt sie. "Das hat sich heute geändert." Unter anderem durch neue Apps, die auf dem Smartphone die Luftqualität anzeigen: Rot und Lila bedeuten Gefahr.

Geholfen hat auch der Protest einer Gruppe namens "Smog Alarm", der sich von Kraków aus auf das ganze Land ausgebreitet hat. Seit 2012 protestieren Bürger unter diesem Slogan gegen die Luftverschmutzung. "Es begann mit einer Facebook-Gruppe, und plötzlich waren Hunderte auf der Straße", sagt Andrzej Gula, einer der Organisatoren. Es gab Demonstrationen, hitzige Debatten, die Unternehmen von Kraków druckten riesige Kampagnenplakate. "Ohne diesen Druck würde kein Politiker mit uns reden", sagt Gula.

Die Politik hat reagiert. In Kraków und anderen Städten gibt es Zuschüsse, wenn Bewohner ihre alten Kohleöfen austauschen wollen. Im Oktober hat die polnische Regierung gar eine Regelung erlassen, mit der die billigste und dreckigste Kohle für Privatkunden vom Markt verschwinden soll. Neue Öfen müssen deutlich sauberer sein. Und für Programme gegen die Verschmutzung will die Regierung umgerechnet mehr als sechs Milliarden Euro ausgeben, sagt Przemyslaw Hofman vom Technologieministerium. "Kein anderes EU-Land investiert so viel Geld in saubere Luft."

Das ist auch dringend notwendig. Von den 50 dreckigsten Städten in Europa liegen der Weltgesundheitsorganisation zufolge 33 in Polen. Und vor wenigen Wochen veröffentlichte dann auch noch der EU-Rechnungshof einen Bericht, in dem gezeigt wurde, dass die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide in Kraków teilweise um das Fünffache überschritten werden. Die Autoren des "Sonderberichts Nr. 23" kritisieren die EU-Politik. Besonders gerügt wurde, dass die Maßnahmen der EU "nicht die erwartete Wirkung" zeigen würden und dass die Normen zur Luftreinhaltung veraltet seien.

Wie gewaltig das Problem in Polen ist, macht Przemyslaw Hofman deutlich: Es würde 40 Milliarden Euro kosten, wollte man die vier Millionen Wohnhäuser in Polen sanieren. Aber zwölf Prozent aller Haushalte hätten bereits heute zu wenig Geld, um vernünftig zu heizen. Bis wann die Regierung die Luftqualität auf EU-Grenzwerte senken will? Es gebe kein konkretes Ziel. "Vielleicht in zehn Jahren", sagt Hofman.

Auf kommunaler Ebene geht es voran: So schaffen die polnischen Städte vermehrt Elektrobusse an. Die Regierung will bis 2025 eine Million Elektroautos auf die Straße bringen, was Experten für unmöglich halten. In manchen Orten boomt bereits der Verleih von E-Mobilen und E-Bikes. Kraftwerke wie Siekierki, im Süden Warschaus gelegen, verfeuern statt Kohle zunehmend Holzschnitzel. Die Versorgung mit Fernwärme über Gas soll besser werden. Und die steigenden Preise für CO₂-Zertifikate im EU-Emissionshandel machen Kohlekraftwerke unrentabel.

Bis 2050 will die Regierung nur noch die Hälfte des Stroms aus Kohle gewinnen. Wie genau das gehen soll, ist bislang unklar. Bei der Klimakonferenz in Katowice soll die schlechte Luft erst mal die polnische Position stärken, hofft die Regierung. Die außergewöhnliche Position des Landes führe dazu, dass man die Sorgen anderer Kohleländer wie Indien und China besser verstehe, da dort die Luft ebenfalls stark verschmutzt und der Unmut der Bevölkerung ebenfalls groß ist.

Doch trotz all der Ankündigungen ist Agnieszka Liszka-Dobrowolska nicht besonders optimistisch. Sie zitiert einen Bericht, nach dem die Luft erst "in 30 bis 99 Jahren" wieder gefahrlos zu atmen sei. "Ich hoffe, dass mein Geschäftsmodell irgendwann überflüssig wird", sagt sie. Persönlich hat sie aber schon Konsequenzen gezogen. Mit ihrer Familie hat sie Warschau verlassen und lebt jetzt in Sopot, einer Stadt an der Ostsee.