Am Ende der Woche, die für seine Partei mit einer historischen Niederlage begann und ihm selbst glänzende Aussichten eröffnete, ist Manfred Weber in Lissabon. Die Europaabgeordneten der Europäischen Volkspartei (EVP) sind in die portugiesische Hauptstadt gereist, um mit Rabbinern und Imamen zu diskutieren. Weber ist Chef der EVP-Abgeordneten; seine Partei, die CSU, gehört genauso wie die CDU zur EVP. Weber ist hergekommen, auch wenn er eigentlich dringend in München sein müsste. Und weil er schon mal hier ist, trifft er auch noch den portugiesischen Staatspräsidenten. Dessen Unterstützung kann er möglicherweise bald gut gebrauchen.

München, Brüssel, Lissabon – "Ja, doch", sagt Manfred Weber am Telefon und lacht, "ich weiß immer genau, wo ich bin". Gerade ist er auf dem Weg zum Flughafen, aus der portugiesischen Hauptstadt geht es wieder zurück nach München.

Manfred Weber, 46 Jahre alt, Europaabgeordneter aus Niederbayern, steht vor den entscheidenden Wochen seiner Karriere. Er hat sich vorgenommen, die Europäische Union zu retten. Am 8. November, hofft er, wird ihn die EVP zu ihrem Spitzenkandidaten für die Europawahl im kommenden Mai bestimmen. Weber hätte dann eine ziemlich gute Ausgangsposition, um in zwölf Monaten an die Spitze der EU-Kommission zu treten. Es kann aber auch sein, dass er zuvor noch einen anderen Auftrag übernimmt. Denn Weber hat beste Chancen, Horst Seehofer als CSU-Chef zu beerben. Dieser hatte am vergangenen Wochenende angedeutet, dass er bereit sein könnte, seinen Platz noch in diesem Jahr zu räumen.

Europa retten – oder doch die CSU? Oder beides?

Webers Aufstieg verrät viel über die Irrwege seiner Partei und über die Erschütterung der CSU nach ihrem Absturz bei der Landtagswahl. Denn Weber verkörpert in vielem das Gegenteil von dem, wofür die CSU seit Jahrzehnten steht. Und dass ein Europaabgeordneter einmal CSU-Vorsitzender werden könnte, war bis vor Kurzem genauso unvorstellbar wie die Aussicht, ein Bayer könnte einmal die EU regieren – nun scheint sogar beides möglich zu sein.

Ein Spätsommersonntag im September, der Bindlhof in Sankt Englmar hat sich herausgeputzt mit Festzelt, Biertischen und Blasmusik. Die Umfragen für die CSU kurz vor der Landtagswahl stehen schlecht, Niederbayern hingegen zeigt sich von seiner schönsten Seite. Der Juniorchef des Hofes trägt ein rotes Wams zur Lederhose und begrüßt die Honoratioren. Neben der Scheune, nicht weit entfernt von den Traktoren, parkt ein schwarzer Dienstwagen mit belgischem Kennzeichen.

Manfred Weber ist in Niederbayern groß geworden. Er wohnt gemeinsam mit seiner Frau noch immer in Wildenberg, seinem Heimatort. Hopfenanbaugebiet, 1300 Einwohner, am Vormittag ist er dort zur Kirche gegangen. In Sankt Englmar wird er später von dem kongolesischen Priester erzählen, der die Messe zelebriert hat, für Weber ein Beleg dafür, wie eng die Zukunft Europas mit Afrika verknüpft sei.

Die christliche Lehre hat ihn geprägt. Die Debatte über den Abtreibungsparagrafen 218 hat ihn zur CSU geführt. Aber niemals würde Weber das Kreuz als politische Waffe einsetzen. Auch die weiß-blaue Folklore bedient er nur in Maßen. Die Lederhose bleibt im Schrank, beim Besuch auf dem Bindlhof trägt Weber einen dunklen Janker zur blauen Jeans. Auf dem Hemd darunter zwei eingestickte Initialen: M. W.

Im Bierzelt drängeln sich rund zweihundert Menschen, eilig werden noch ein paar Bänke aufgeschlagen. Weber spricht über Europa. Über das viele Geld, das bei den laufenden Haushaltsverhandlungen in Brüssel neu verteilt wird ("Halten Sie sich fest, da geht’s um 1,5 Billionen Euro") und das auch den Bauern in Niederbayern zugutekomme; über den Brexit und seinen bevorstehenden Besuch bei der britischen Premierministerin in London; über die Migration und den Euro. Er spricht in ruhigem Ton und versucht, möglichst anschaulich zu erklären, was in Brüssel geschieht. "Die Blackbox aufbrechen", nennt er das. Und immer wirbt Weber für Kompromiss und Kooperation, die Idee der europäischen Integration: "Man sieht am britischen Beispiel, was geschieht, wenn man die EU infrage stellt."

Über die bayerische Landtagswahl, die bevorsteht, spricht er erst ganz am Schluss, in allgemeinen Worten. Die Distanz ist deutlich: Es ist nicht seine Wahl, die da verloren geht.