Da ist er also doch, der dunkle Zauber. Im letzten Akt lässt Medea ihren schwarzen Kragen durch die Finger rinnen, zieht sich dann Hemd und Hose aus, kniet sich darüber und leckt alles ab, langsam und lückenlos, animalisch, aber voller Sorgfalt. Und man ahnt, dass sie gerade Gift spuckt, um damit die Frau des Mannes zu vergiften, in den sie sich verliebte, für den sie aus ihrer Heimat floh und mit dem sie über Leichen ging.

Maja Schöne spielt diese Medea: kühl und berechnend, ohne Wahn und wilde Wut. Die mit Speichel vergifteten Gaben verstaut sie in einem der Kleidersammlungsballen, die sich zu Dutzenden im Bühnenhintergrund türmen und dort von Migration und Mauern erzählen, von Grenzen und Gegenwart, von Spenden hier und Überfluss dort.

Jette Steckels Inszenierung von Medea und Jason am Thalia Theater erzählt die Franz-Grillparzer-Version der antiken Sage vom Ende einer Liebe in vollster Radikalität. Und, das ist nicht zu vernachlässigen, auch vom Ende einer Flucht.

In der Geschichte angelegt ist beides gleichermaßen: Bis Korinth haben sich Medea und Jason schon durchgeschlagen. Dort hoffen sie, nach rastloser Reise und Verfolgung, auf den Schutz des Königs Kreon. Jason (André Szymanski) hat sich schnell selbst geholfen: Bei einer ersten Asylanfrage nimmt er Kreons Tochter zur Frau, die gemeinsamen Kinder mit Medea will er mitnehmen. Medea droht die Verbannung, die Abschiebung, bis auch sie beschließt zu handeln. Nachdem sie das tödliche Kleiderpaket geschnürt hat, bemerkt sie knapp: "Heute ist Zahltag, Jason." Dann wählt sie sich ein Mädchen aus dem Kinder-Statistenchor, dreht sich mit ihm in einem ausgelassenen, fröhlichen Tanz – Haare wehen, Lachen perlt –, bis das Kind irgendwann leblos in ihren Armen erschlafft. Das ist das Schlussbild der Inszenierung, es ist drastisch, fast pathetisch. Dabei hatte alles so zärtlich angefangen.

Klug baut Jette Steckel mit zwei grandiosen Darstellern Szenen, die als Rückblende von inniger Liebe erzählen, von Leidenschaft, von gelebtem Leben, von Konflikten und schließlich auch von Entfremdung. Steckel inszeniert ein Beziehungsdrama. Eines, in dem Leidenschaft in einem raumgreifenden Kampftanztango seinen Ausdruck findet und existenzielle Paarkrisen nur beim Coffee to go besprochen werden.

Der Regisseurin gelingt eine berührende Paargeschichte mit vielen Zwischentönen, eine Erzählung voller Liebe und Hass, voller Küsse und Bisse. Es ist ein schauspielerisch vielschichtiger, intensiver und fesselnder Abend – der letztlich aber die politische Dimension, die im Stoff steckt, zur Seite drängt. Das Flüchtlingsthema bleibt Kulisse. Medea und Jason, das könnten an diesem Abend auch Brangelina sein.

Vorstellungen am 17., 24. und 25. November sowie am 3. und 18. Dezember