17. Oktober 2018, Istanbul. Von Meşale Tolus Dachterrasse aus kann man das Marmarameer sehen. Hier oben ist es ruhig. Man hört nur das Kreischen der Möwen, die über den Häusern kreisen. Am Morgen nach ihrem Prozess steht sie dort und blickt auf das Wasser, während ihr Mann in der Küche Eier brät, Tee kocht und Sesamringe für sie in den Toaster legt. Er macht sich Sorgen, sie ist dünn geworden. Dabei hat er selbst abgenommen. Die vergangenen Monate haben sie beide gezeichnet. Gestern Abend hat die Tagesschau berichtet, live vom Justizpalast in Istanbul. "Tolu holt ihren Mann raus", steht heute im Tagesspiegel. "Mut wird belohnt", schreibt die Süddeutsche Zeitung. Für einen Moment wirkt es, als hätte sie die Erdoğan-Justiz bezwungen. Zumindest ein bisschen.

Meşale Tolu, 34, und ihr türkischer Mann, Suat Çorlu, 38, saßen monatelang in der Türkei in Haft – und mit ihr der damals erst zwei Jahre alte Sohn Serkan. Der Staatsanwalt wirft ihnen vor, Mitglieder einer linksextremen Terrororganisation zu sein. Sie ist Journalistin und Übersetzerin, er engagiert sich für eine linke Partei. Tolu drohen bis zu 20 Jahre Haft. Im Dezember 2017 kam sie unter Auflagen frei, sie durfte die Türkei aber erst im August 2018 verlassen.

Alle haben ihr abgeraten, sich wieder in das Land zu wagen, um ihre Freiheit vor Gericht zu verteidigen. Kollegen, Abgeordnete, Diplomaten. Sie flog trotzdem.

Vor dem Abflug hat sie ihren Sohn umarmt und gesagt, dass sie bald zurück sein werde. Ohne zu wissen, ob das stimmt.

Und jetzt hat der Richter sogar die Ausreisesperre ihres Mannes aufgehoben. Wenn nichts dazwischenkommt, werden sie bald wieder eine Familie sein – zu Hause in ihrer Heimatstadt Ulm, wo Serkan auf sie wartet.

Im Fernsehen sah Tolu nach dem Urteilsspruch aus wie eine Siegerin. Viele haben sie angerufen und gefragt, ob sie nun feiern gehe. Aber Tolu findet, es gibt keinen Grund: "Wenn du dir etwas, das dein Recht ist, zurückholen musst, dann bist du kein Sieger, dann bist du bestohlen worden. Wir haben einfach nur unsere Freiheit zurückerlangt", sagt sie in ihrer Wohnung über dem Meer.

Die Räume sind penibel aufgeräumt, nur im Kinderzimmer liegen Plastikautos herum, Serkans Bobbycar, ein orangefarbenes Trampolin. Sein Vater sucht dort gerade den Wintermantel des Jungen, den Tolu mit nach Ulm nehmen will. Suat Çorlu, einen guten Kopf größer als seine Frau, ist ein stiller Typ. Tolu nennt ihn "meinen Ruhepol".

Zwei Stockwerke, verbunden mit einer Wendeltreppe, eine helle Einbauküche, eine bequeme Sofalandschaft, dazu der Ausblick von der Dachterrasse: Tolus Zuhause in Istanbul ist neiderweckend schön. Aber seit jenem Tag im April 2017 fühlt sie sich hier nicht mehr sicher. "Das ist nicht mehr die Wohnung, die sie einmal war", sagt Meşale Tolu.

30. April 2017, Istanbul. Eine Stunde vor Sonnenaufgang stürmen zehn bewaffnete Vermummte Tolus Wohnung. Die Männer der Anti-Terror-Einheit reißen sie aus dem Schlaf und drücken sie zu Boden. Einer öffnet mit vorgehaltenem Sturmgewehr die Tür zum Kinderzimmer. "Da drinnen ist mein kleiner Sohn!", ruft Tolu. Als der Beamte das Licht anknipst, fängt Serkan sofort an zu schreien.

Drei Stunden lang durchsuchen die Männer die Wohnung, während Tolu und Serkan auf dem Sofa verharren. Dann soll sie ihren Sohn zurücklassen. Sie tut, als müsse sie ihm die Socken anziehen, ganz langsam, um den Abschied hinauszuzögern. Die Männer nehmen Tolu mit und geben Serkan zu den Nachbarn. Wir stecken deinen Sohn in ein Jugendheim, damit er irgendwann gegen Terroristinnen wie dich kämpft, hat einer der Polizisten noch gesagt. Ihr Mann sitzt da schon drei Wochen in Haft.

Die Terrororganisation, der Tolu und er angeblich angehören, ist die verbotene Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei, kurz MLKP. Suat Çorlu hatte im Wahlkampfteam der prokurdischen Oppositionspartei HDP gearbeitet, Tolu als Reporterin für die linke Nachrichtenagentur Etkin News Agency, kurz Etha, mit Sitz in Istanbul. Das Auswärtige Amt sieht in Tolu eine politische Gefangene.

Tolus Vater Ali, der zufällig gerade in der Türkei ist, kommt sofort, um sich um seinen Enkel zu kümmern. Das Kind wirkt verstört. Gerade erst hatte der Zweijährige angefangen zu sprechen, nun wird er ganz still und zieht sich zurück. Nur einen Satz sagt er, immer wieder: "Ist Mama böse auf mich?" Dass seine Mutter ihn verlassen hat, kann er sich nur so erklären: Sie wollte ihn loswerden.