Die kleine Vanessa (drei Jahre alt) saß zu Hause im Wohnzimmer vor dem Rechner und evaluierte die Kavanaugh-Anhörung und den Ronaldo-Fall, denn sie arbeitete an einem Aufsatz zum Thema "Happy Birthday, #MeToo" für einen Talentwettbewerb in der Vorschule. Sie kam zu dem Ergebnis, dass alles wie immer sei, und sah zum Fernseher, in dem eine Expertenrunde zum Thema Schwangerschaftsabbrüche ("Sind Auftragsmorde noch zeitgemäß?") lief. Im Nebenzimmer schrie ihre Mutter Siri an (schlechteste Assistentin, seit es Assistentinnen gibt). Dann kam sie herein und suchte nach ihrem Epiliergerät.

"Mama", fragte Vanessa, "bin ich eine Fotze?"

"Vanessa! Das hast du alles von deinem Vater! Der ist eine Fotze! Er geht zum Therapeuten und will über Gefühle reden. Aber er soll einfach Geld verdienen."

"Bist du Feministin?", fragte Vanessa und nahm einen Schluck aus ihrer Schnabeltasse. Die Mutter verdrehte die Augen, während sie versuchte, sich in ihre Shape-Underwear zu zwängen. "Diesen Lifestyle-Feminismus von Beyoncé und Acne kannst du vergessen! Ich kann mich nicht Feministin nennen. Der moderne Feminismus ist lächerlich, wenn man etwas ändern will, muss man den Kapitalismus abschaffen. Und bis dahin bleibt seriöser Feminismus massiv karriereschädigend. Aber irgendjemand muss hier doch das Geld verdienen, damit du später auf eine Privatschule gehen kannst, Schätzchen." Vanessa nickte.

"Schreib das bloß nicht in deinem Aufsatz, der wird schön moderat, liebes Fräulein!", murmelte die Mutter und riss an dem Reißverschluss ihres Kostüms. "Verstehe", sagte Vanessa. "Für das Leben einer erfolgreichen Frau scheint es mir gegenwärtig zentral zu sein, den Spagat zu schaffen zwischen Feministin und Keine-Fotze-Sein und es irgendwie auf die Reihe zu kriegen, nicht vergewaltigt zu werden. Dann hat man ja wirklich keine Wahl mehr. Wie stellen wir das nur an, Mama?"

"Doch, natürlich hat man eine Wahl. Man ist halt nicht so bekloppt und zeigt eine Vergewaltigung an, wenn man sie nicht gefilmt hat. Das heißt, entweder du filmst bei deiner Vergewaltigung alles mit, oder wir sagen gar nichts. Aber ich habe vorgesorgt", sagte die Mutter und zwinkerte Vanessa zu. "Sobald du alt genug bist, gehst du nur noch mit der GoPro aus dem Haus, die ich dir extra zu diesem Zweck habe anfertigen lassen. Mit Ortungsfunktion."

"Und wenn der Vergewaltiger sie mir vom Kopf reißt?"

"Geht bei mir eine Alarmanlage an, und ich komme, so schnell es geht. Sollte ich es nicht schaffen, machst du eine Therapie. Die Angebote werden immer besser. Und wenn du alt genug bist, um davon schwanger zu werden, fahren wir eben nach Holland. Das ist entspannter."

"Okay, Mama", sagte Vanessa, "hast du sonst Vorkehrungen getroffen?"

"Als ich wusste, dass du ein Mädchen wirst, habe ich dich regelmäßig blau angezogen. Ich habe darauf geachtet, dass du lernst, Nein zu sagen, aber als ich merkte, dass das überhaupt nicht gut ankommt, habe ich entschieden, dass du nur noch zu 25 Prozent Nein sagen darfst. Das ist realistischer."

Vanessa nickte, derweil die Mutter in ihre Jimmy Choos stieg und schrill auflachte. "Und abgesehen davon ist es sowieso komplett egal, ob du zu einer Vergewaltigung Ja oder Nein sagst, das ist das Prinzip einer Vergewaltigung."

"Glaubst du den Frauen aus dem Fernsehen, die sagen, dass sie vergewaltigt worden sind?"

"Natürlich", seufzte die Mutter, "aber was ich glaube, ist nicht wichtig."