DIE ZEIT: Sie arbeiten mit Ihrer philosophischen Fragekunst wie eine Hebamme, die fortgesetzt Neues auf die Welt bringt. Aber wollen viele Leute in den unruhigen Gesellschaften der Gegenwart nicht lieber eine Handvoll Antworten als lauter offene Fragen?

© Wolfgang Stahr

Michael Sandel: Im Ruf nach einfachen Antworten spiegelt sich oft eine Sehnsucht nach anderen Fragen. Auf das Fragen kommt es an. Die Philosophie, wie ich sie verstehe, hat sich immer mit der Aufgabe befasst, nach den richtigen Fragen zu suchen, kräftig darüber zu streiten, ob es die richtigen sind, und sie dann öffentlich zu stellen. Das hat sie mit der Politik gemeinsam: Ihre Debatten sollten darum gehen, welche Fragen sich in einer Gesellschaft unter der Oberfläche des Tagesgeschehens stellen. Sie bietet dann eine Deutung, eine Gegenwartsdiagnose der Gesellschaft an.

ZEIT: Woher wollen Sie als Philosoph wissen, was die eigentlichen Fragen der Menschen sind?

Sandel: Sokrates ist durch die Straßen des antiken Athen und zum Hafen von Piräus gegangen und hat mit Menschen, die keine Philosophen waren, über das Leben der Stadt gesprochen. Was er gelesen hat, welche Bücher geschrieben, ist nicht bekannt. Wohl aber seine Kunst zuzuhören: Aus der Begegnung mit der Gesellschaft gewann er die Fragen, die es zu stellen galt. Diese Art des Philosophierens ist es, die mich als politischen Philosophen leitet und mit der ich überall auf der Welt auf große Offenheit treffe.

ZEIT: Was unterscheidet Sie von der akademischen Fachphilosophie?

Sandel: Deren Rang stelle ich nicht in Abrede. Aber politische Philosophie, wie ich sie verstehe, lässt sich auf die öffentlichen Belange ein. Ich unterscheide nicht scharf zwischen der Lehre in der Universität und dem Gespräch mit den Bürgern. Der geistige Hunger kommt mir grenzenlos vor.

ZEIT: Gilt das besonders in unruhigen Zeiten wie heute?

Sandel: Das Denken hat seine besten Zeiten nicht dann, wenn Ruhe und Frieden herrschen. Es steht dann in Blüte, wenn Gesellschaften in Aufruhr sind. So entstand in der Antike das Denken von Aristoteles und Platon, so erging es im 17. Jahrhundert Hobbes und Locke, im 19. Jahrhundert Hegel und Marx. In solchen Umbrüchen ist es Zeit, auf die Straßen zu gehen und sich umzuhören. Das Denken reagiert auf den Aufruhr. Zum Schönsten, was es gibt, gehört es, zu erleben, wie Menschen im Gespräch ihre Meinung ändern. Auf diese Weise trägt das Philosophieren zur demokratischen Öffentlichkeit bei.