Don Massimo sitzt in einem winzigen, unaufgeräumten Büro, ein schwerer Mann von zwei Metern, der müde ist, wie ein Mensch nur müde sein kann. Doch niemand nimmt Rücksicht, immerzu geht die Tür auf: Don Massimo dies, Don Massimo das. Der Priester von Vicofaro, einem Stadtviertel von Pistoia in der Toskana, beherbergt in seiner kleinen Pfarrei neunzig Migranten. Es sind fast ausschließlich junge Schwarzafrikaner. Massimo Biancalini hat für alle ein Ohr, auch für den Geringsten. Da kann es schon vorkommen, dass er zu spät in die Kirche hastet – so wie an diesem Sonntag.

Um halb neun hat er in Santa Maria Maggiore die erste Heilige Messe gelesen, zur zweiten Messe, um elf Uhr, wird er es nicht pünktlich schaffen. Die Gläubigen warten geduldig, dass ihr Priester, die Robe rasch übergeworfen, aus der Sakristei ins Kircheninnere tritt. Nachher, wenn die alten Damen die Lesung aus der Bibel vortragen, scheint Massimo einzunicken. Er hat wieder eine Woche hinter sich, die arbeitsreich wäre auch ohne die Flüchtlinge, allein mit den 6000 Einheimischen von Vicofaro. Sie wollen heiraten, sie wollen ihre Kinder taufen lassen, sie wollen Unterricht im Katechismus, sie wollen Rat und Trost, und manche wollen einfach ihr Herz ausschütten. Der Glaube spielt noch immer eine große Rolle im Alltag der Italiener. Und der Pfarrer betreut Familien, die seit Generationen hier leben. Es ist eine schöne, eine erschöpfende Arbeit.

Nun aber die Predigt. Da ist alle Müdigkeit verflogen. Massimo betritt die Kanzel und spricht mit Verve über Barmherzigkeit, also über die Pflicht eines jeden Christen, Flüchtlinge aufzunehmen. Außerdem wettert er gegen Satan, und jeder weiß schon, wer gemeint ist: Matteo Salvini, Italiens Innenminister, der seit Frühjahr 2018 im Amt ist und einen harten Kurs gegen die Migranten fährt – "Das ist Satan!"

In einer der hinteren Kirchenbänke beugt sich ein älterer Herr zu seinem Vordermann und flüstert: "Bevor das mit den Migranten begann, war unsere Kirche voll. Und jetzt?" Er beschreibt mit dem Finger einen Kreis um das Häuflein der dreißig Getreuen in einem Raum, der mindestens zweihundert Menschen fasst. Die Sache mit den Migranten also. Fast alle, die Don Massimo beherbergt, sind junge Muslime. Sie stammen aus Nigeria, Mali, dem Senegal, aus Kamerun und Gambia. Sie sind übers Mittelmeer gekommen und vor ein, zwei, drei Jahren in Süditalien gelandet. Viele wurden von den Behörden in den Norden geschickt, auch nach Vicofaro. Andere standen einfach vor seiner Tür, in ausgetretenen Schuhen und abgerissenen Kleidern: Sie hätten gehört, dass man bei einem gewissen Don Massimo unterkommen könne. Also nahm er sie auf. Was sonst?

Heute leben die Flüchtlinge in einem zweistöckigen Gebäude, das früher ein kleines Kloster war. Sie schlafen auf Matratzen, die auf dem kalten Boden liegen, es gibt zwei Waschräume, eine Küche, und draußen auf dem überdachten Vorplatz steht eine schwer ramponierte Tischfußballplatte. Don Massimos Mittel sind bescheiden. Deshalb versucht er, den Afrikanern ein wenig Abwechslung zu bieten, so wie im Sommer 2017, da brachte er einige ins nahe Schwimmbad. Es wurde eine böse Geschichte, die den Pfarrer italienweit bekannt machte. Denn die jungen Afrikaner taten, was junge Leute im Schwimmbad tun: tauchen, springen, lachen. Don Massimo fotografierte die ausgelassenen Szenen und stellte sie auf seine Facebookseite. Das Foto hängt in der Pfarrei: Junge Männer, die fröhlich im Wasser planschen, einer streckt dem Fotografen die Zunge heraus. Im Netz entdeckte das damals eine junge Gemeinderätin, Parteigängerin der Lega Nord, und verbreitete empört: Dieser Afrikaner habe sie verspottet! Parteichef Matteo Salvini twitterte: "Das hier ist Priester Biancalani, ein Antilegist, Antifaschist und Anti-Italiener, er ist Priester in Pistoia. Kein Fake!"

So geriet Don Massimo ins Visier von Italiens mächtigstem Populisten. Il Capitano (so nennen seine Anhänger Salvini) war im Sommer 2017 zwar noch nicht Innenminister, es regierten die Sozialdemokraten. Doch man sprach schon von vorgezogenen Wahlen, und Salvini suchte Futter für den Wahlkampf. Er fand Don Massimo. Der hatte den Kampf gegen rechts seinerseits eröffnet, indem er über die Afrikaner im Schwimmbad schrieb: "Sie sind meine Heimat ... nicht die Faschisten und Rassisten!"

So wurden Salvini und Biancalini ein Paar. Hier der "Faschist", da der "Anti-Italiener". Mittlerweile regiert die Lega Nord, und ältere Bewohner Pistoias fühlen sich an unselige Zeiten erinnert. "Sie dürfen nicht vergessen, dass die Italiener zwischen 1943 und 1945 einen regelrechten Bürgerkrieg führten", sagt Roberto Barontini, geboren 1934, ein Arzt und ehemaliger Abgeordneter der Republikanischen Partei, vor allem aber Präsident des Historischen Instituts der Resistenza in Pistoia. Barontini weiß alles über den Widerstand gegen die italienischen Faschisten, er fürchtet die Gespenster der Vergangenheit. Deshalb hilft er Don Massimo, wo er kann, kommt fast täglich in die Pfarrei. "Es findet eine Radikalisierung der politischen Lager statt", sagt Barontini, "nein, kein Bürgerkrieg, aber die Gespräche verstummen, die Herzen vereisen." Es gehört zu den verdrängten Wahrheiten seines Landes, dass sich die Italiener unter der Bleikappe der deutschen Besatzung gegenseitig verfolgten, folterten und töteten.