An einem heißen Tag in Berlin sitzt Neneh Cherry auf der Dachterrasse eines Veranstaltungszentrums und erklärt gleich zu Beginn, dass sie eigentlich dringend ein WC aufsuchen müsse, aber keine Lust dazu habe. Die Schwedin ist immer noch so unkonventionell wie zu Beginn ihrer Karriere Ende der Achtziger, als sie mit Songs wie "Buffalo Stance" und "Manchild" weltweit erfolgreich war. Nun erscheint ihr neues Album "Broken Politics".

DIE ZEIT: Neulich fühlte ich mich alt, als ich meiner Tochter von Ihnen erzählte.

Neneh Cherry: Warum?

ZEIT: Weil wir in einem Konzert Ihrer Tochter Mabel waren und ich meiner Tochter erläuterte, dass ich Platten von Mabels Mutter habe.

Cherry: Sie ahnen gar nicht, wie alt ich mich fühle, wenn ich immer wieder von Leuten auf Mabel angesprochen werde, die keinen Schimmer haben, dass ich auch Musik mache.

ZEIT: Mabel ist wie Sie bereits in jungen Jahren erfolgreich. Haben Sie ihr Tipps gegeben?

Cherry: Ich glaube, der wichtigste ist, dass man aufpassen muss, sich von der Industrie nicht verbiegen zu lassen. Klingt simpel, ist aber verdammt schwierig: Bleib du selbst! Das hat mein Stiefvater, der Jazzmusiker Don Cherry, mir auch immer wieder eingetrichtert: Bleib! Dir! Treu! Ich habe irgendwann verstanden, was er damit meinte.

ZEIT: Wie oft mussten Sie in den frühen Jahren Ihrer Karriere Nein sagen?

Cherry: In unserer Familie waren wir alle Nonkonformisten, und ich habe schon aus Prinzip immer nach neuen Wegen gesucht. Ich habe als Kind allerdings auch eine Weile lang versucht, dazuzugehören: bei Freunden, in der Schule und so weiter. Ich pendelte mit meinen Eltern zwischen Schweden und den USA hin und her. In Schweden lebten wir in einem kleinen, abgelegenen Dorf, und ich war das einzige schwarze Kind in der Schule. Da meinen Platz zu finden war anstrengend für mich.

ZEIT: Mit was für Kindern sind Sie in Schweden in die Schule gegangen?

Cherry: Ganz normalen Kindern aus ganz normalen Familien. Unser Haushalt war dagegen Avantgarde. Meine Eltern zogen sich schon völlig anders an als die anderen Eltern, und unser Haus sah ebenfalls komplett anders aus. Meine Mutter hatte jedes Zimmer in einer anderen Farbe angemalt. Es gab grüne, gelbe und rosafarbene Räume. In unserer Familie heißt das Haus "The Mothership", und es ist bis heute nahezu unverändert. Letztlich war aber alles harmonisch in Schweden, bis dann der Punk in mein Leben und in diese Idylle krachte.

ZEIT: Wie alt waren Sie da?

Cherry: Fünfzehn, und The Clash und die Sex Pistols öffneten mir die Tür zu einer neuen Welt. Vor allem bot mir Punk eine Identität, nach der ich mich unbewusst gesehnt hatte. Die Botschaft war, dass es in Ordnung ist, anders zu sein. Punk machte mir klar, dass es okay ist, wenn ich mein Haar rot färbe. Dank Punk hatte ich keine Angst mehr und ließ mich durch nichts einschüchtern.

ZEIT: Lebten Sie damals mehr in Schweden oder mehr in New York?

Cherry: Mein Zuhause war schon in Schweden, aber wir hatten eben auch das Apartment in New York, in einem Gebäude, in dem auch die Talking Heads ein Studio besaßen. Das Apartment nutzten wir bis vor sechs Jahren, da beschloss der Eigentümer, unseren Mietvertrag zu kündigen. Jetzt besitze ich noch das Haus in Schweden. Das ist der einzige Ort auf diesem Planeten, an dem ich mich heimisch fühle. So ein Ort der Beständigkeit ist enorm wichtig. Es ist wichtig, irgendwo zur Ruhe kommen zu können.