In der Unruhe wächst das Interesse am Denken. © Max Löffler für DIE ZEIT

Die Demokratie ist nervös, ihre Institutionen wirken zerbrechlich, und im moralischen Inventar sind Lücken, Löcher und Leere entstanden. Kaum einer wüsste noch leichthin zu sagen, was eine moderne Gesellschaft wie die unsere außer Straßennetzen und Steuergesetzen zusammenhält. Was ein Gemeinwesen seinen Bürgerinnen und Bürgern schuldet, auch was es von ihnen erwarten muss: Das sind offene Fragen, die unruhig machen.

Man kann die Unruhe bedauern, sie kostet Kraft. Doch in Zeiten von Umwälzungen kann sich auch zeigen, ob eine Gesellschaft, in deren Gebälk es kracht, gelassen genug ist, sich infrage zu stellen. Die Nervosität hat ihr Gutes: In der Unruhe wächst das Interesse am Denken. Man wüsste gern, ob außer umstrittenen Fakten, Heilslehren und Expertokratie irgendwo noch geistige Arbeit zu finden ist, die bedenkenswert wäre, und also eine Haltung gegenüber der Welt.

"Das Denken", so sagt es im Gespräch mit der ZEIT der politische Philosoph Michael Sandel, "hat seine besten Zeiten nicht dann, wenn Ruhe und Frieden herrschen. Es steht dann in Blüte, wenn Gesellschaften in Aufruhr sind". Sandel hat, von der Universität Harvard aus, die öffentliche Debatte mit einem Millionenpublikum, im Netz wie in den Hörsälen, zu einer eigenen Kunstform entwickelt. Das gemeinsame Nachdenken unterscheidet dieser Philosoph strikt vom Ratgeben, denn dazu taugt das Denken von alters her kaum. Aber es schafft Spielraum und befreit aus Routinen. Bei der geistigen Arbeit, bemerkte der Schriftsteller David Foster Wallace, kann es sogar den "Spaß an der Sache" ausmachen, in Paradoxien und Widersprüche zu geraten und festzustellen: Sie müssen einen nicht lähmen.

Fasst man die gesellschaftliche Unruhe als belebend auf und löst sich erst die ängstliche Starre, dann werden Fragen aus den tieferen Sedimenten der Gesellschaft erkennbar. Sie lauten etwa: Für wen tragen wir Verantwortung? Kann digitale Arbeit menschlich sein? Wofür gibt es nationale Grenzen? Was heißt heute Eigentum? Was ist Heimat? Kann der Mensch sich vor sich selbst schützen? Ist die Zeit der universellen Menschenrechte vorbei? Sind wir zu viele? Was ist gewiss?

Grundsätzliche Fragen solcher Art sind latent aktuell, und die Klärung der Gedanken wird erkennbar gebraucht. Der Buchmarkt bietet in diesem unruhigen Herbst gleich stapelweise an, was gelernte Denker in ihrer Artenvielfalt über das Denken zu sagen haben. In Zürich lockt die Kunsthalle gemeinsam mit der Universität das Publikum zur Ausstellung 100 Ways of Thinking, die New York Times veröffentlicht unter dem Label "Big ideas" eine Reihe von Essays führender Köpfe zur Frage, was Menschlichkeit bedeutet. Und in Amsterdam werden in diesen Tagen ein paar Tausend Besucher zum Brainwash-Festival erwartet – zum Nachdenken, in Gesellschaft.

Denn die Empirie und das Nachdenken sind ja immer wieder durch eine Kluft voneinander getrennt. Das Denken widersetzt sich der durchgerechneten Antwort, auch weil es selbst die klare Intuition hat, dass Bedeutung und Sinn sich nicht messen lassen. Es macht oft aufreizend langsam, wenn es verstehen will, was in der Eile schon entschieden sein muss. Es sucht nach Begriffen, die überzeugen, und schätzt aus diesem Grund den Widerspruch sehr. Deshalb kann es, auch wo es behäbig wirkt oder gar narrenhaft, doch zugleich Avantgarde sein, weil es sich gegen die alltäglichen Selbstverständlichkeiten sträubt: Es will auch spielen.