Was denkt die Welt? – Seite 1

Die Demokratie ist nervös, ihre Institutionen wirken zerbrechlich, und im moralischen Inventar sind Lücken, Löcher und Leere entstanden. Kaum einer wüsste noch leichthin zu sagen, was eine moderne Gesellschaft wie die unsere außer Straßennetzen und Steuergesetzen zusammenhält. Was ein Gemeinwesen seinen Bürgerinnen und Bürgern schuldet, auch was es von ihnen erwarten muss: Das sind offene Fragen, die unruhig machen.

Man kann die Unruhe bedauern, sie kostet Kraft. Doch in Zeiten von Umwälzungen kann sich auch zeigen, ob eine Gesellschaft, in deren Gebälk es kracht, gelassen genug ist, sich infrage zu stellen. Die Nervosität hat ihr Gutes: In der Unruhe wächst das Interesse am Denken. Man wüsste gern, ob außer umstrittenen Fakten, Heilslehren und Expertokratie irgendwo noch geistige Arbeit zu finden ist, die bedenkenswert wäre, und also eine Haltung gegenüber der Welt.

"Das Denken", so sagt es im Gespräch mit der ZEIT der politische Philosoph Michael Sandel, "hat seine besten Zeiten nicht dann, wenn Ruhe und Frieden herrschen. Es steht dann in Blüte, wenn Gesellschaften in Aufruhr sind". Sandel hat, von der Universität Harvard aus, die öffentliche Debatte mit einem Millionenpublikum, im Netz wie in den Hörsälen, zu einer eigenen Kunstform entwickelt. Das gemeinsame Nachdenken unterscheidet dieser Philosoph strikt vom Ratgeben, denn dazu taugt das Denken von alters her kaum. Aber es schafft Spielraum und befreit aus Routinen. Bei der geistigen Arbeit, bemerkte der Schriftsteller David Foster Wallace, kann es sogar den "Spaß an der Sache" ausmachen, in Paradoxien und Widersprüche zu geraten und festzustellen: Sie müssen einen nicht lähmen.

Fasst man die gesellschaftliche Unruhe als belebend auf und löst sich erst die ängstliche Starre, dann werden Fragen aus den tieferen Sedimenten der Gesellschaft erkennbar. Sie lauten etwa: Für wen tragen wir Verantwortung? Kann digitale Arbeit menschlich sein? Wofür gibt es nationale Grenzen? Was heißt heute Eigentum? Was ist Heimat? Kann der Mensch sich vor sich selbst schützen? Ist die Zeit der universellen Menschenrechte vorbei? Sind wir zu viele? Was ist gewiss?

Grundsätzliche Fragen solcher Art sind latent aktuell, und die Klärung der Gedanken wird erkennbar gebraucht. Der Buchmarkt bietet in diesem unruhigen Herbst gleich stapelweise an, was gelernte Denker in ihrer Artenvielfalt über das Denken zu sagen haben. In Zürich lockt die Kunsthalle gemeinsam mit der Universität das Publikum zur Ausstellung 100 Ways of Thinking, die New York Times veröffentlicht unter dem Label "Big ideas" eine Reihe von Essays führender Köpfe zur Frage, was Menschlichkeit bedeutet. Und in Amsterdam werden in diesen Tagen ein paar Tausend Besucher zum Brainwash-Festival erwartet – zum Nachdenken, in Gesellschaft.

Denn die Empirie und das Nachdenken sind ja immer wieder durch eine Kluft voneinander getrennt. Das Denken widersetzt sich der durchgerechneten Antwort, auch weil es selbst die klare Intuition hat, dass Bedeutung und Sinn sich nicht messen lassen. Es macht oft aufreizend langsam, wenn es verstehen will, was in der Eile schon entschieden sein muss. Es sucht nach Begriffen, die überzeugen, und schätzt aus diesem Grund den Widerspruch sehr. Deshalb kann es, auch wo es behäbig wirkt oder gar narrenhaft, doch zugleich Avantgarde sein, weil es sich gegen die alltäglichen Selbstverständlichkeiten sträubt: Es will auch spielen.

Der Unruhe mit Nachdenken begegnen

Das Denken ist mit dem ersten Bauchgefühl so wenig zufrieden wie mit der angeblich stichfesten Information, und also überprüft es Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gefühle, wägt ab zwischen den Alternativen der Deutung und setzt daraus mit Geduld ein Bild zusammen, das einleuchten und so wahr wie nur möglich sein will. Es garantiert keine Harmonie, aber es kann Menschen verbinden. Das Denken weiß, dass unter den Fakten immer auch Interessen liegen und die Macht von Institutionen, deshalb sucht es lieber nach Schlüssigkeit als nach Wohlbefinden. Und gibt daher den Horizont der Wahrheit nicht auf.

Die ZEIT will für die Welt der Ideen nun einen neuen Raum schaffen. In älteren Worten gesagt: Sie will "aus dem ungeheuren Umfange der Wissenschaften (...) dasjenige herausheben, was nicht bloß den Gelehrten, oder gar nur eine besondere Klasse der Gelehrten, sondern die ganze Menschheit interessiert". Als im Jahr 1784 der deutsche Aufklärer Karl Philipp Moritz als frisch bestallter Redakteur der Vossischen Zeitung in Berlin darüber nachdachte, was eine gute moderne Zeitung sei, da verfiel er, epochengemäß, auf nichts Geringeres als die Hoffnung, dass auf deren Seiten der nachdenkliche Austausch einer Gesellschaft mit sich selbst stattfinden könne. In vordemokratischer Zeit eine radikale Utopie – und heute in Zeiten gefährdeter Demokratien hochaktuell. Die Zeitung werde so zum Raum des kontroversen Gesprächs nicht nur für die Eliten, sondern für alle, für "Eltern, Erzieher, Menschen, die in einer Stadt zusammen oder entfernt leben".

Im Feuilleton der ZEIT soll deshalb von dieser Ausgabe an jeden Monat ein Schwerpunkt stehen: "Sinn & Verstand. Die philosophischen Seiten". Sie richten sich an jede Leserin, jeden Leser, und sie wollen zwischen denen, die von Berufs wegen nachdenken, und der Leserschaft jeder Couleur vermitteln. "Le monde des idées", so heißt auf Französisch, was wir ins Gespräch bringen wollen: die Welt der Ideen. Das sind weder Forschungsberichte aus der akademischen Philosophie noch Best-Practice-Handreichungen der Lebenskunst. Was wir veröffentlichen wollen, sind Denkstücke mit Sinn und Verstand aus der Welt der geistigen Arbeit, ob sie nun von Philosophinnen wie Martha Nussbaum oder Rahel Jaeggi verfasst sind, von Juristen wie Bernhard Schlink, von einer gelernten Ökonomin und Philosophin wie Lisa Herzog, einem Politologen wie Achille Mbembe, von Soziologinnen, Soziologen wie Eva Illouz und Hartmut Rosa, einem Arzt wie Didier Fassin, einem Anthropologen wie Bruno Latour, einem Historiker wie Stefan-Ludwig Hoffmann, um nur einige zu nennen, deren Namen schon vielen bekannt sind.

Aber es geht uns nicht minder um Stimmen, die bisher noch kaum zu hören sind und die wir zu Gehör bringen wollen. Wie denkt jener Bauer Yacouba Sawadogo aus Burkina Faso, der nun den Alternativen Nobelpreis bekommt, weil er, so die Würdigung, mit seinen Ideen im Kampf gegen die Wüstenbildung mehr bewirkt hat als alle internationale Forschung und sämtliche Experten zusammen? Das Spektrum der Autorinnen und Autoren soll im politischen Sinne möglichst weit sein, in Rede und Gegenrede, mit Zwischenrufen, Rückfragen und in Werkstattberichten. Ein kontroverses Gespräch eben, das wir durch Veranstaltungen auch in die öffentlichen Räume tragen wollen, in Bibliotheken, Theater, Kulturzentren, Universitäten oder Schulen, um die Ideen mit den Leserinnen und Lesern zu diskutieren. Und um der Unruhe, damit sie fruchtbar ist, in aller Ruhe mit Nachdenken zu begegnen.