1955

Peter Semler, 82, Abitur 1955 am Arndt-Gymnasium in Berlin

"Zu meiner Schulzeit galt: Wer Abitur macht, der hat den Studienplatz sicher und hinterher selbstverständlich auch Arbeit. Schon mit 15 Jahren wusste ich, dass ich eines Tages als Arzt arbeiten wollte. Dafür musste ich das Abitur haben. Der Erste mit Abitur war ich in unserer Familie nicht: In der väterlichen Linie war das keine Besonderheit.

Wir waren 30 Abiturienten. Der Zusammenhalt war blendend. Konkurrenzkampf kannten wir nicht. Wir trafen uns viel und lernten in Gruppen. An vier Tagen hintereinander haben wir die Klausuren geschrieben: Deutsch, Griechisch, Mathe, Latein. Zwei Monate später kam die mündliche Prüfung. Wir mussten auf alle Fächer vorbereitet sein. In welchem wir geprüft werden würden, verriet man uns nicht. Das war schon hart. Das Abitur im Allgemeinen war zu meiner Schulzeit schwerer, glaube ich. Da wurde viel mehr Wissen abgefragt, heute hört man immer nur von "Kompetenzen". Wer eine Zwei vor dem Komma hatte, gehörte schon zu den Besseren.

Nach der Zeugnisvergabe gingen wir alle in eine Gaststätte, haben mit Bier angestoßen. Es gab keine lang geplante Feier. Anfangs haben wir dann jährlich Jahrgangstreffen veranstaltet. Einige sind inzwischen verstorben, aber ich habe noch immer gute Freunde aus dieser Zeit."

Zeugnis und Handschlag: Sebastian Semler mit Rektor © privat

1985

Sebastian Semler, 51, Abitur 1985 am Askanischen Gymnasium in Berlin 

"Als ich das Abiturzeugnis in den Händen hielt, wurde mir klar: Jetzt ist eine besondere Zeit zu Ende gegangen. So lange und so intensiv mit deinen Freunden zusammen sein – das wird es wohl kein zweites Mal geben. Aber natürlich freute ich mich auch auf mein Studium. Wie mein Vater wollte auch ich Medizin studieren.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurde das Abi zunehmend Usus. 150 Mädchen und Jungen waren wir in meinem Jahrgang. Da kannte ich gar nicht jeden. Vor den Prüfungen habe ich mich nicht verrückt gemacht. Seitens der Lehrer lief alles fair ab, es wurde geprüft, was gelehrt worden war. Es gab ja noch kein Zentralabitur und insofern weniger Überraschungen. Das nächtelange Lernen kam erst mit dem Studium. Nach der Zeugnisvergabe gab es keine offizielle Feier, geschweige denn einen pompösen Abi-Ball. Das ging sehr dröge zu. Nicht mal ein Jahrgangsfoto haben wir gemacht. Erst an den Tagen danach bin ich mit meinen Freunden zum Feiern los.

Nach dem Abitur in Kontakt zu bleiben war nicht so einfach. Wer in eine andere Stadt gezogen war, dem konnten wir nicht mal eben per WhatsApp schreiben. Darum beneide ich meine Töchter heute."