Hanna Jacobs ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen.

Die Zeit der Predigt ist vorbei. Der Protestantismus ist mit seiner bleibenden Fixierung auf den Sermon heute mehr seiner Tradition verpflichtet als den religiös suchenden oder glaubenden Menschen. Doch niemand traut sich, ihr den Randplatz zuzuweisen, der ihr im 21. Jahrhundert zukommen sollte. Es wird um der Predigt willen gepredigt. Die religiöse Rede, allsonntäglich und allenthalben, scheint alternativlos zu sein. Zumindest für die, die dafür verantwortlich sind, dass in jeder Dorfkirche und jedem Dom mindestens einmal die Woche eine Predigt zu hören ist. Doch meist gibt sie Antworten auf Fragen, die kaum einer stellt, und will ein Bedürfnis befriedigen, das in dieser unserer Mediengesellschaft kaum noch einer zu haben scheint: Toll, endlich mal wieder in Ruhe dreißig Minuten dasitzen und eine abgelesene Rede hören!

Das war jahrhundertelang anders. Die Kultur, in der das Christentum entstand, war eine mündliche. Die Gleichnisse und Reden Jesu wurden über Jahrzehnte weitererzählt, bis sie verschriftlicht wurden. Vom Leben, Sterben und Auferstehen Jesu erfuhren die ersten Christen durch die Predigt. Anders als heute hörten Menschen in Predigten also etwas für sie völlig Neues. Was in der Predigt gesagt wurde, war von existenzieller, lebensverändernder Bedeutung. Eine durch und durch christliche Gesellschaft zu erneuern war wiederum das Ziel der Predigtbewegungen des Mittelalters. Auf einige Reformbewegungen folgte die Reformation und rückte die Predigt in der Landessprache ins Zentrum des Gottesdienstes. Da steht sie – weithin unhinterfragt – 500 Jahre später noch immer.

Eine Predigt dauerte damals richtig lange, meist über eine Stunde. Dass sie nicht langweilte, lag auch an der allgemeinen Informationsarmut der einfachen Bevölkerung. In der Reformationszeit war die Predigt am Sonntag das mit Abstand Interessanteste und Elaborierteste, was eine Magd in der ganzen Woche zu hören bekam. Während der Aufklärung unterrichteten Pfarrer von der Kanzel die Landbevölkerung auch in Viehzucht oder Hygiene. Heute braucht niemand mehr die Predigt, um unterhalten oder informiert zu werden. Und wer unbedingt wissen will, was Paulus zu Speisegeboten sagt, der googelt das halt. Eine Frage, die heute viele Christen wach liegen lässt, ist das aber nicht mehr. Ist die entsprechende Stelle aber der vorgegebene Predigttext, sehen sich etliche Prediger in der Situation, ein Problem formulieren zu müssen, das keiner hat, um darauf Antworten zu finden, nach denen niemand fragt.

Nun kommen der Predigt heutzutage noch weitere Aufgaben zu: Sie soll Glauben wecken und erweitern, einen Geschmack fürs Unendliche kultivieren. Predigt könnte Anleitung zum guten Leben geben und sollte vor allem eins: von der Sorge befreien, vor Gott, mir und den anderen nicht gut genug zu sein. Wenn dies in der Predigt nicht geschieht, muss sie anderen Formen weichen. Das Prinzip "form follows function" sollte nicht nur für das Design von Haushaltsgeräten und Häusern gelten, sondern auch für die Gestaltung kirchlichen Lebens. Und die Form der Predigt ist nun einmal passé. Ähnlich wie beim Klimawandel gilt: Je früher wir das als Kirche einsehen, desto mehr (religiöses Leben) können wir retten.

Es mag trösten, dass es nicht allein an der Predigt liegt, dass diese kontinuierlich an Relevanz verliert. Ihr passiert, worunter auch die Rede an sich leidet. Alles wird diskursiver und partizipativer, Workshops ersetzen Vorträge, und selbst diese kommen nicht mehr ohne Bilder im Hintergrund aus. Wir produzieren und konsumieren unendlich viel Text, in E-Mails, WhatsApp und anderen sozialen Medien. Die gehaltene Rede wirkt in einem Universum aus Bildern und Kurznachrichten wie ein Fremdkörper. Vielleicht war Barack Obama der letzte große Redner. Selbst nüchterne Mitteleuropäer waren von seinen überzeugenden, geistreichen, unpathetischen Reden so ergriffen, dass ihnen die ein oder andere Rührungsträne verstohlen in den Augenwinkeln hing. Die nächste Wahl gewann Donald Trump, der sich nicht einmal bemüht, Sätze und Sinnabschnitte zu einer Rede zu komponieren. Meinungsbildung kommt längst ohne brillante Rhetorik aus.

Doch zurück zum Predigtwandel. Ohne das Wort Gottes weiterzugeben und die Beschäftigung mit der biblischen Überlieferung ist Kirche nicht Kirche. Doch wie kommt das Wort Gottes am besten zu Gehör und Herz? Meine Erfahrung ist, dass das für wahr und richtig empfunden wird, was man selbst als solches erlebt, sei es durch ein Gespräch, wo Fragen gemeinsam gestellt und erörtert werden können, sei es durch den Zuspruch einer Freundin am Telefon. Oder durch Bibliolog, Bibelteilen, gemeinsame Meditation eines Bibelverses – also durch Formen, die an der Erfahrung mehrerer aufrichtig interessiert sind und die Religiosität des Einzelnen wertschätzen.

Das klingt zunächst ungemein individualistisch und autoritätskritisch. Doch die intensive Auseinandersetzung mit dem und der Einzelnen geht ebenso auf Jesus selbst zurück wie die drei Kapitel umfassende Bergpredigt. Der, von dem es heißt, er sei ein Wanderprediger gewesen, hat auch etliche Streitgespräche geführt, unverzweckt mit Menschen gegessen, mit ihnen gearbeitet. Die Fischer werden durch die persönliche Ansprache zu Jüngern und nicht durch die Predigt in einer Synagoge. Das Johannesevangelium berichtet davon, dass Jesus nach seiner Auferstehung der verzweifelten Maria Magdalena begegnet und sie fragt: "Warum weinst du?" und "Wen suchst du?" Was würde wohl passieren, wenn am nächsten Sonntag die Predigt ausfiele und wir uns gegenseitig diese Fragen stellten, wenn ein gemeinsames Fragen und Suchen an die Stelle einseitiger Verkündigung treten würde? Erst das Wissen um die Nöte und Fragen eines Menschen erlauben es, ihm Ermutigung und Trost – Evangelium – persönlich zuzusprechen. Breitbandverkündigung ist weitaus wirkungsärmer.