Es ist ein großes Werk, das sich einfach "Handbuch" nennt, für Religionsphilosophie und Religionskritik, herausgegeben von Michael Kühnlein: Die Fachleute werden es studieren, und die Laien können darin gut schmökern . Eine sehr kurze Einleitung legt offen, dass der im März verstorbene Herr Kardinal Lehmann an der Finanzierung beteiligt war und dass er den Herausgeber "bei der Konzeption des Bandes vor manchen Holzwegen bewahrt" habe. So sei es. Das Buch hat aber nichts Kirchenfrömmelndes. In der Einleitung steht ein anderes Motiv: Die klassische Säkularisierungsthese könne man getrost ad acta legen. "An die Stelle einer vernunftteleologischen Megastory der Entzauberung", so Kühnlein, "ist vielmehr die hermeneutische Einsicht in den historisch kontingenten Entstehungscharakter des säkularen Zeitalters getreten."

So ist es, ist es so? Jedenfalls ist es eine These des Philosophen Charles Taylor. Kühnleins Befund lautet, dass die Religion unter dem Zeichen ihrer Wiederkehr die "alten Bedeutungsclaims wieder schnell für sich reklamieren möchte", was "bei so manchen Wiedergängern und Adepten" zu einem religiösen Triumphalismus führe.

Das Buch enthält Unglaubliches, zum Beispiel aus der Lebensgeschichte Franz Rosenzweigs (1896 bis 1929): Rosenzweig erkrankte an amyotropher Lateralsklerose und war schließlich vollständig gelähmt. In seinen letzten Jahren diktierte er nur noch mit den Augen – und so übersetzte er gemeinsam mit Martin Buber die hebräische Bibel. Rosenzweig hat die These der engen Zusammengehörigkeit von Christen und Juden aufgestellt: Beide können aneinander ihre Grenze und ihren Halt erfahren. Was für eine These vor dem Holocaust, auf ungeheuerliche Weise falsch und wahr zugleich. Oder der Philosoph Max Scheler (1874 bis 1928): Er hat nach dem Ersten Weltkrieg den Schluss gezogen, "die Reue" müsse zur Grundlage für einen Neuanfang werden. Gegen die gespaltene Kultur Europas müsse man "das wahre christliche Europa" wieder aufbauen, ein "religiös fundierter Solidarismus" würde dabei helfen.

Aus meiner Sicht bedeutet Religion Bezug auf Transzendenz, und zwar so, dass Transzendenz die Lösung, ja Erlösung bietet. Diese Lösung ist jedoch für das Denken ein Problem und noch dazu eines, das es ohne das Konzept der Transzendenz gar nicht gäbe. In diesem Sinne lese man über den Meisterdenker des Religiösen: Pascal hat die Zerrissenheit des Menschen, der zwischen dem Nichts und der Unerreichbarkeit des Unendlichen schwankt, unvergesslich beschrieben. Er hat eine Lösung für das Problem, aber diese scheint mir weniger ergreifend als seine Darstellung der unerlösten Existenz.

Michael Kühnlein (Hrsg.): Religionsphilosophie und Religionskritik
Ein Handbuch; Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 946 S., 36,– €, als E-Book 35,99 €