Beschwingt kommt die Dienerin herein, im Körbchen das Haupt des Holofernes – "Judith und ihre Magd", gemalt von Domenico Ghirlandaio im Jahr 1489 © Heritage Images/Fine Art Images/akg-images

Früher war erstens alles besser, und zweitens auf mehrfache Weise. In der Renaissance beispielsweise, jener Epoche, in der Botticelli, Leonardo oder Donatello die schöne alte Antike frisch beleben wollten, kam anderen diese Damals-Sehnsucht viel zu neumodisch vor. Wo sei denn bitte "jene Einfachheit, jene Tugend und Rechtschaffenheit der Alten" geblieben, wo jene Kunst, die mehr bot als nur "vordergründige Pracht"? Schrecklich, all die jungen Künstler, die "mehr auf Schein als auf die Wahrheit" zielen. Schrecklich, diese Renaissance!

Mit solch markigen Worten stritten zunächst nur ein paar Mönche für ein anderes, wahres Früher. Doch standen sie mit ihrer Skepsis nicht allein da. Selbst im Florenz des 15. Jahrhunderts, gern als Hort des Fortschritts gepriesen, war die Renaissance eine viel konservativere Angelegenheit, als viele glauben. Ein wenig Goldgrund gefällig, wie im Mittelalter? Ein zierlicher Heiligenschein? Ein paar Felsvorsprünge, wunderbar archaisch? Die wenigsten Maler fanden etwas dabei, die Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen. Und dazu gehörte, bei allen Neuerungen, auch das Wohlvertraute.

In den Schriften jener Zeit kam das natürlich nicht vor. So ziemlich alles, was die Künstler, die Chronisten und Theoretiker damals verfassten, erzählte von Neugier, Aufbruch, Umsturz, davon, wie die Welt binnen weniger Jahrzehnte neu erfunden wurde. Doch radikal war die Renaissance vor allem in ihrer Liebe zur Selbststilisierung. Einem Künstler wie dem Bildhauer Ghiberti gelang es spielend, den Beginn der eigenen Laufbahn mit dem Beginn einer Epoche gleichzusetzen – 1400, ein Schalter wurde umgelegt. Und noch heute, 600 Jahre danach, halten viele an diesem Kunstwunder fest.

Umso dankbarer darf man der Ausstellung sein, die gerade in München angelaufen ist und das Wunder ein wenig eintrübt. Sie zeigt die herrlichsten Werke, rund 120 Gemälde, Zeichnungen, Büsten, Medaillen aus dem Florenz des Quattrocento, und zeigt zugleich die vielen Widersprüche, Rückfälle, Trugbilder der Renaissance. Das Neue wird nicht aus dem Nichts geboren, auch bei Ghiberti nicht, von dem hier ein Stuckrelief zu sehen ist, das der eine innovativ, die andere altertümlich finden mochte – beides aus guten Gründen. Ghibertis Maria mit dem Kind (um 1440) wagt eine ungewohnte Nähe: Die Mutter umschlingt den Jungen mit dem Mantel, vermutlich wird er sich gleich ganz darunter verkriechen. Ein menschelndes Kunstwerk, das aus dem christologischen Symbol ein nahbares Gegenüber macht. Typisch Renaissance, sollte man meinen. Allerdings verbirgt sich hinter der vermeintlich innovativen Interpretation eine archaische Bildformel, der byzantinische Ikonentypus der Glykophilusa, der süß Küssenden. Und die eigentliche Leistung des radikalen Ghiberti liegt darin, das Alte ganz unradikal zu aktualisieren.

Höchst modebewusste Heilige

Bei Botticelli, der in München dank vieler Leihgaben ebenfalls prominent vertreten ist, wird dieses Ineinander von Vor- und Jetztzeit sogar noch radikaler ins Bild gesetzt. Allein wie er 1475 den Stall von Bethlehem malt – die reine Postmoderne, ein Zwitter aus Tempelruine, Scheunendach und Felsengrotte, vor dem sich die Heiligen Drei Könige versammelt haben, um Jesus zu huldigen. Seltsamerweise treten die Heiligen höchst mode- und machtbewusst auf, im Dress der Renaissance und obendrein ausgestattet mit den Gesichtern des herrschenden Medici-Clans. Maria hingegen und ihr Kind sehen unförmig aus: die Haltung steif, die Körper überlängt, die Kleidung démodé, als hätte man sie – copy & paste – aus einem alten Bild geschnitten. Und als habe Botticelli die Kritik der Mönche – alles Schein, keine Wahrheit! – dadurch befrieden wollen, dass er Schein und Wahrheit, Gegenwärtiges und Tradiertes versöhnte.

Überhaupt darf man sich die Renaissance wie einen großen, nie endenden Kostümball vorstellen, auf dem man rasch den Überblick verliert, was denn nun eigentlich Fiktion, was Realität ist. So nahmen die Medici auch an Festumzügen teil und traten, als gute Stadtbürger, in der Rolle der Heiligen Könige auf. Doch damit endete das Spiel nicht, ihr Palazzo war ja ebenfalls eine Bühne, und selbst dort, wo die Mächtigen weitgehend für sich waren, in ihrem Schlafzimmer, befanden sie sich noch inmitten einer großen Inszenierung. Die Künstler ließen auch hier nichts unversucht, um Schein und Sein einander anzunähern: mit bemalten Betten, Truhen, Körben, Schildern, Masken, mit Wandbehängen, Fahnen, Marmorkandelabern. Heute hießen sie Lifestyle-Designer.

Wobei dieses Design immer auch als Denkungsart, ja als Geisteshaltung gemeint war, wie die Münchner Ausstellung anschaulich zeigt. Sie präsentiert ihre Werke auf dichtem Raum, ohne zwischen den Gattungen zu trennen, sodass man sich nicht wundern würde, wenn in einem der Säle auch ein Tagesbett aufgebaut wäre: Kunst war in der Renaissance eben immer auch eine Kunst der Ausstattung. Diese Art der Repräsentation allerdings als bloßes Machtgehabe zu verstehen, als Oberflächendekor, griffe zu kurz, auch das ist in der Ausstellung zu erleben, die nicht zufällig mit einer kleinen Zeichnung von Maso Finiguerra beginnt. Es ist die Zeichnung eines zeichnenden Jungen, die man ein wenig brav, vielleicht sogar unbedeutend finden könnte, spräche daraus nicht eine geradezu weltbegründende Bedeutung.

Wer zum Stift greift, zur Feder, zum Kreidestück, davon war die Renaissance überzeugt, der entwirft mehr als nur ein Bild, er verhilft einer Idee zum Ausdruck. Disegno meinte nicht allein das Zeichnen, es meinte ebenso ein geistiges, ja spirituelles Konzept. So sah der machtvolle Dominikanermönch Girolamo Savonarola in Gott einen maestro dipintore, einen Meisterkünstler, der in der Schöpfung seine Ideen "nach außen" aufs Papier gebracht, sprich "aus seinem Geist und aus den Händen" in die Welt gezeichnet habe.