Michael Allmaier ist Redakteur der ZEIT und schreibt jede Woche über ein Restaurant der Stadt © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Schon die Mailbox macht gute Laune: eine liebenswert verplauderte Ansage, die über die Reservierungs-Usancen informiert, um dann mit dem Tipp zu schließen, man möge doch einfach vorbeikommen: "Beharrlichkeit wird in den meisten Fällen mit Zufriedenheit und einem vollen Magen belohnt."

Der Krug gibt sich nostalgisch, mit Bembeln in den Regalen und Untersetzern, deren Motive allmählich verwischen ("Tübing, Stiftskirche mit Hölderlir"). Er dankt seinen Namen aber eher der Mitbesitzerin Terry Krug und dem Vorsatz, mitten in der Stadt eine Dorfschänke einzurichten, denn St. Pauli sei ja ein Dorf.

In gewisser Hinsicht ist der Krug tatsächlich ein Lokal der alten Schule. Als er 2009 eröffnete, war der Kiez nördlich der Reeperbahn noch nicht für sein Essen bekannt. Da hätte sich noch niemand getraut, für sein Menü 74 Euro zu verlangen wie Fabio Haebel nebenan. Im Krug sind die Preise noch moderat, die Speisen auf der kurzen Karte allgemein verständlich und die Umgangsformen locker. "Nur Mut!", ruft der Barmann den Gästen zu, die brav am Eingang stehen geblieben sind. Er hat zwar keinen Tisch mehr frei, aber sie dürfen sich bei anderen dazusetzen – "keine Sorge, die sind nett".

Solche Lokale werden gerne Wohnzimmer genannt, wobei dieses eher einem Ein-Zimmer-Apartment ähnelt. Die Kochzeile ist nämlich in die rechte Ecke des Tresens integriert. Man könnte dem Koch vom Hocker aus auf die Schulter klopfen. Und oft möchte man das auch; denn was er da auf engstem Raum raushaut, schmeckt gut bis ausgezeichnet. Zum Beispiel die guten, großen Miesmuscheln in einem wein-buttrigen Sud mit viel Petersilie und Salicorn. Artischockenherzen hätte man hier nicht erwartet, aber mit ihrer erdigen Säure beleben sie die Mischung. Oder auch das exakt gebratene Filet vom Kabeljau auf Fenchel und Röstkartoffeln. Beim Krustentierrahm fragt man sich, ob er das Gericht wirklich bereichert oder doch mehr verspricht, als er halten kann – ähnlich wie das Trüffelöl, mit dem man hier das Rindertatar versetzt. Vielleicht wäre diese handfeste Küche noch besser, wenn man nicht versuchte, sie mit solchen Tupfern Haute Cuisine zu veredeln.

Die "Key Lime Pie mit Zwetschgenkompott und Keksboden" könnte enttäuschen, sähe man nicht vor sich, wie der Koch rotiert. Da bleibt wohl nichts anderes, als das Dessert im Glas vorzubereiten, wie man das von Buffets kennt. Im Gegensatz zu all den modischen Showküchen sieht der Gast in diesem Lokal nicht nur die filigranen letzten Pinselstriche beim Anrichten, sondern die ganze, schweißtreibende Maloche.

Der Krug nennt sich selbst eine "Weinstubezi". Was das Wort bedeuten soll, darüber können auch die Jungs hinterm Tresen nur rätseln. Es handele sich wohl um das Privat-Pfälzisch des Chefs Jan-Ole Bauer, der nicht einmal Pfälzer sei. Als Alleinstellungsmerkmal taugt es allemal. Das kann der Krug gut gebrauchen, denn wirklich konkurrenzfähig ist seine Weinauswahl nicht. Zwar jubelt die Karte wirklich jeden Posten hoch ("Eine Granate aus der Südpfalz. Oho, der hat Trinkfluss!", "Dieser Grauburgunder macht dich crazy vor Glück! Ehrenwort!"). Doch geschmacklich ist das meiste mehr im Okay-Segment. Auch hier weiß der Service Rat. Mäkelige Gäste bekommen einfach drei Flaschen samt Gläsern vor die Nase gestellt: "Probier mal, welchen du magst."

Übrigens gönnt sich das Personal ab und an selber einen kleinen Schluck. Aber nicht verschämt im Hinterzimmer, sondern dann, wenn einer der Gäste einen ausgibt. Dann stellen sie sich kurz zusammen, stoßen an, sagen "Chin-chin!". Das hat Charme – wie der ganze Laden. Der Krug ist so, wie eine Studentenkneipe sein könnte, wenn alle sich reinknien würden.