Der 5. November 1968 läutete eine Zeitenwende ein. Doch anders als man es im Protestjahr 68 erwarten würde, brachte sie das Land nicht den Ideen näher, für die Bürgerrechtler, linke Studenten und Liberale seit einer Dekade kämpften: Am 5. November wählten die Amerikaner den Republikaner Richard Nixon zu ihrem Präsidenten. Einen Mann, der für Law and Order statt für Freiheit und Befreiung warb – und das Land auf einen Kurs brachte, der die Vereinigten Staaten bis heute prägt.

Blickt man auf die US-Geschichte, erkennt man lange Phasen, in denen eine der beiden großen Parteien (seit 1856 sind dies die Demokraten und die Republikaner) das Weiße Haus und oft auch den Kongress fast durchgehend beherrschte. Am Ende solcher Zyklen kommt es regelmäßig zu sogenannten kritischen Wahlen, in denen sich wichtige Wählergruppen neu orientieren und sich die Kräfteverhältnisse längerfristig verschieben.

Die Präsidentschaftswahl vor 50 Jahren war eine solche kritische Wahl. Die New-Deal-Koalition, die Präsident Franklin D. Roosevelt in den Dreißigerjahren aus weißen Arbeitern, kleinen Farmern, ethnischen Minderheiten und den traditionell demokratisch wählenden weißen Südstaatlern geschmiedet hatte, zerbrach. Mehr als drei Jahrzehnte lang hatten die Demokraten fast ununterbrochen das Weiße Haus und den Kongress beherrscht und in dieser Zeit den US-Wohlfahrtsstaat und den Ausbau der bundesstaatlichen Kompetenzen vorangetrieben. Im November 1968 nun kehrten viele Stammwähler den Demokraten den Rücken – und leiteten eine scharfe Rechtswende ein.

Das Wahljahr begann mit einer nationalen Demütigung. Ende Januar, zum vietnamesischen Neujahrsfest Tet, starteten der Vietcong und die nordvietnamesische Armee eine überraschende Offensive, die der US-Öffentlichkeit endgültig den Glauben an ein siegreiches Ende des verlustreichen Dschungelkrieges raubte. Als Reaktion auf die verfahrene Lage verkündete Präsident Lyndon B. Johnson am 31. März völlig unerwartet seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur, um freie Hand für eine Beendigung des Vietnamkrieges zu haben.

Vier Jahre zuvor hatte der Sozialreformer Johnson noch mit mehr als 60 Prozent der Wählerstimmen über seinen weit rechts stehenden republikanischen Gegenkandidaten Barry Goldwater triumphiert. Doch die Eskalation des Vietnamkrieges hatte seine Popularität immer weiter sinken lassen. Kriegsgegner skandierten: "Hey, hey, LBJ, how many kids did you kill today?" – "wie viele Kinder hast du heute umgebracht?" Auch in der eigenen Partei wurde der Ton rauer. Bei den demokratischen Vorwahlen in New Hampshire Mitte März hatte sich der Präsident nur knapp gegen Senator Eugene McCarthy aus Minnesota, einen scharfen Kritiker seiner Vietnampolitik, durchsetzen können.

Zum großen Hoffnungsträger der Demokraten wurde indes Robert F. Kennedy, der jüngere Bruder des 1963 ermordeten Präsidenten – der im Vergleich mit dem unnahbaren Intellektuellen McCarthy weitaus charismatischere Kandidat. "Bobby" genoss weit über das Lager der Kriegsgegner hinaus Rückhalt unter Afroamerikanern und Hispanics und profilierte sich als Anwalt der Armen und Unterprivilegierten. Bei seinen Auftritten elektrisierte er Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Religion, mehrfach tauchte er aus dem Bad in der Menge mit zerrissenem Anzug wieder auf. Dann der Schock: Als Kennedy am 5. Juni die wichtigen Vorwahlen in Kalifornien gewann und vor seinen Anhängern eine Dankesrede halten wollte, erschoss ihn ein palästinensischer Nationalist, der über die proisraelische Haltung des Kandidaten empört war.

Zwei Monate nach der Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King schien das Land in politischer Gewalt zu versinken. Ob es Robert Kennedy tatsächlich ins Weiße Haus geschafft hätte, ist allerdings zweifelhaft. Die Führung der Demokraten, die den Großteil der Parteitagsdelegierten kontrollierte, unterstützte Vizepräsident Hubert Humphrey, der für eine Fortsetzung von Johnsons Politik stand.

Nach Kennedys Tod war der Weg für Humphrey frei. Zum Nominierungsparteitag Ende August in Chicago erschienen jedoch nicht nur die Delegierten, sondern auch Tausende jugendliche Demonstranten, darunter radikale Gruppen wie die legendären Yippies (Youth International Party), die ankündigten, die Stadt ins Chaos zu stürzen. Sie drohten, die Droge LSD ins Trinkwasser der Stadt zu schütten, und nominierten ein Schwein namens Pigasus als Kandidaten, um das "System" lächerlich zu machen. Chicagos Bürgermeister Richard Daley, ein Mann des demokratischen Parteiapparates, verwandelte Chicago in eine Festung und ließ den zumeist friedlichen Protest vor laufenden Kameras niederknüppeln.