Wenn die Ermittlungen abgeschlossen, die Anklagen erhoben und die Urteile rechtskräftig sein werden, dann dürfte dieser Skandal sich als einer der größten der letzten Jahrzehnte in der Hamburger Politik erweisen. Beamte des Bezirksamts Nord sollen sich 100 wertvolle Freikarten für das Konzert der Rolling Stones im Stadtpark im September vergangenen Jahres verschafft und weitere 300 Karten zu Vorzugsbedingungen an Freunde und Geschäftspartner verteilt haben. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen eine ganze Gruppe von Spitzenbeamten aus dem sozialdemokratischen Hochadel der Stadt. Sie werden der Vorteilsnahme, womöglich sogar der Bestechlichkeit verdächtigt oder sollen andere zu Straftaten verleitet haben.

Die Beamten kannten den politischen und rechtlichen Rahmen

Selbst wenn am Ende Freisprüche stehen sollten, muss man den Vorgang einen Skandal nennen – immerhin gehört es zu den beruflichen Pflichten der Verdächtigen und der bereits Beschuldigten, schon den Anschein von Korruption sorgfältig zu vermeiden. Einstweilen aber ist dies ein Rätsel: Wie konnten sie nur?

"Das waren erfahrene Beamte, die den politischen und rechtlichen Rahmen kannten", sagt ein hoher Hamburger Verwaltungsbeamter. "Die wussten genau, was sie taten." Einzelne, die sich über Regeln hinwegsetzen, sagt der Mann, "die gibt es zuhauf. Wenn sie erwischt werden, werden sie bestraft, und nicht zu knapp." Aber die Freikartenaffäre ist andersgeartet. "Eine so große Gruppe, die gemeinschaftlich handelt, über fünf Hierarchieebenen hinweg" – das, sagt der Beamte, sei unvorstellbar.

Staatsrätin, Amtsleitung, Dezernatsleitung, Fachamtsleitung und Abschnittsleitung: Allein die Dienstränge stellen sicher, dass in einer solche Runde gut 100 Jahre Erfahrung an der Schnittstelle von Politik und Behörden zusammenkommen. Elke Badde, damals als Finanzstaatsrätin zuständig für die Dienstaufsicht über die Bezirke, hat als Bürgerschaftsabgeordnete der SPD selbst Anfragen zum Thema Korruption gestellt. Nun ist sie angeklagt: Verleitung zu einer Straftat wirft ihr die Staatsanwaltschaft vor.

Woher kommen kriminelle Neigungen am Ende einer Beamtenlaufbahn?

Der Mann, den sie verleitet haben soll, der mittlerweile pensionierte Bezirksamtsleiter Harald Rösler, war 50 Jahre lang Beamter. Einige seiner Dezernatsleiter haben kaum weniger Dienstjahre hinter sich. Kann man sich vorstellen, dass so erfahrene und völlig unbescholtene Beamte am Ende ihrer Laufbahn plötzlich kriminelle Neigungen entwickeln?

Harald Rösler, Ex-Leiter des Bezirksamts Nord © imago

Über Rösler spricht der Spitzenbeamte in den höchsten Tönen. Gerade darum ist er nun rat- und fassungslos. "Ich kann es mir nicht erklären", sagt er. Es müsse "ein Fall von kollektiver Umnachtung" sein.

Noch hat sich kein Gericht mit diesem Fall befasst. Aus der Verwaltung gibt es keine Stellungnahmen, Beschuldigte sind nicht zu erreichen oder wollen sich nicht äußern. Die Darstellung in diesem Text stützt sich auf Aussagen erfahrener Verwaltungsbeamter, Bezirkspolitiker und Event-Veranstalter. Einige von ihnen sind Mitarbeiter des Bezirksamts Nord, mehrere von ihnen kennen und schätzen die Beschuldigten. Niemand lässt sich namentlich zitieren. Das Bild, das bei einer solchen Recherche entsteht, muss unvollständig bleiben, Details sind womöglich verzerrt, falsch oder würden anders wirken, wenn die Beschuldigten sie um ihre Sicht der Dinge ergänzen würden.

Niemand will sich äußern

Das Konzert der Rolling Stones im Stadtpark vor gut einem Jahr gilt weithin als Erfolg. Mehr als 80.000 zahlende Besucher waren gekommen, dazu wahrscheinlich über 10.000 Zaungäste. Alles verlief geordnet, der geschundene Rasen des Stadtparks war schnell wiederhergestellt, die Einnahmen deckten die Kosten – niemand behauptet, dass diese Veranstaltung nicht hätte genehmigt werden dürfen. Die Frage ist, ob Beamte sich für eine Genehmigung haben bezahlen lassen, die sie ohnehin erteilen wollten und mussten.

Elke Badde, ehemalige Finanzstaatsrätin © Panther Media

Was Beamte dürfen und vor allem nicht dürfen, regelt in Hamburg die "Bekanntmachung über die Annahme von Belohnungen und Geschenken" aus dem Jahr 2001. Sie ist ein restriktives Regelwerk, einschließlich aller Anhänge und Erläuterungen umfasst sie 14 Seiten. Wer im öffentlichen Dienst arbeitet, der muss mindestens einmal im Jahr offiziell auf diese Vorschriften hingewiesen werden. Wer Personalverantwortung trägt, muss seine Untergebenen regelmäßig daran erinnern, in manchen Behörden müssen die Mitarbeiter das Dokument einmal im Jahr unterzeichnen, zur Abheftung in der Personalakte. Im Fall eines Regelverstoßes soll sich niemand vor Gericht darauf berufen können, dass er die Rechtslage nicht gekannt habe.

Was ist erlaubt? Eine kleine Spende eines zufriedenen Kunden für die Kaffeekasse ist noch unproblematisch, schon Blumensträuße dürfen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Vorgesetzten ausnahmsweise angenommen werden. Die Teilnahme an einem Geschäftsessen ist gerade noch zulässig, wenn eine Zurückweisung unhöflich wirken würde und die Kosten nach dem Maßstab eines mittleren Beamtengehalts nicht unüblich sind. Darüber hinaus geht wenig und ohne Erlaubnis der Vorgesetzten nichts.

"Das sind alles Leute zwischen 50 und 60. Für die sind die Stones die absoluten Idole, die waren da alle wie die Geier hinterher."
Spitzenbeamter

Freikarten im Wert von jeweils mehreren Hundert Euro – das liegt weit jenseits von Gut und Böse. "Das unbestimmte Rechtsgefühl sagt jedem Verwaltungsbeamten, dass das zu viel ist", findet ein erfahrener Spitzenbeamter.

Andererseits, wie oft kommen die Rolling Stones nach Hamburg? "Das sind alles Leute zwischen 50 und 60", sagt ein Verwaltungsmitarbeiter über seine älteren Kollegen. "Für die sind die Stones die absoluten Idole, die waren da alle wie die Geier hinterher."