© Monja Gentschow für DIE ZEIT

Es gibt drei mögliche Gründe, warum Sie in Bad Schwartau sind. Erstens, Sie brauchen eine Kur. Zweitens, Sie besuchen jemanden, der eine Kur braucht. Oder, drittens, Sie haben versucht, einen Stau auf der A 1 in Richtung Ostsee zu umfahren. Dafür sind Sie bei einer 50-Meter-Säule rausgefahren, auf der sich oben ein Logo dreht. Das Logo kennen Sie von Ihrem Frühstückstisch: Schwartau.

Sie hatten sich schon auf die salzige Meeresluft gefreut. Aber sobald Sie in Bad Schwartau das Autofenster runterkurbeln und tief einatmen, wollen Sie gar nicht mehr weiter, die letzten Kilometer zum Strand. Es riecht nach Erdbeeren, nach Kirschen oder Orangen. Je nachdem, welche Marmelade gerade in den Schwartauer Werken gekocht wird. Nicht weit davon steht noch eine Fabrik: Sie produziert Müsli-Riegel für dasselbe Unternehmen.

Stellen Sie Ihr Auto gegenüber der Corny-Fabrik vor dem Leibniz-Gymnasium ab. Exakt dort, wo die Dämpfe der beiden Fabriken sich treffen. Der Geruch von Schokolade und Kokos mischt sich in den Duft eingekochter Früchte. Ein Besuch in Bad Schwartau ist was für die Nase – fürs Auge nicht unbedingt.

Spazieren Sie durch die Lübecker Straße, entlang an den blassroten, blassgelben und blassblauen Häusern. Sollte es hier jemals so was wie Flair gehabt haben: Das wurde in den letzten Jahren wegsaniert. Die gleichen Wasserspiele wie überall. Die gleichen gebeizten Holzbänke. Sieht wirklich netter aus, da war vorher nur Beton. Aber! Das erste Opfer der Sanierung war: der (nicht "das") Hähnchen Eck, ein legendärer Schmuddelimbiss in bester Lage. Er hat Generationen satt gemacht, soziale Schichten vereint über halben Hähnchen. Wenn Sie mit Einheimischen warm werden wollen: Trauern Sie dem Hähnchen Eck nach.

Grillhähnchen sind also aus, essen Sie am besten beim Italiener auf dem Markt. Dort kocht Nicola Diana, der Deutsche Pizzameister von 2014, 2015 und 2016. Der Laden heißt eigentlich Il Ristorante Diana. In Bad Schwartau sagen sie trotzdem: der Italiener auf dem Markt. Man mag die Welt übersichtlich. Es gibt auch den Inder und den Jugoslawen (ja, immer noch). Exakt ein Restaurant pro kulinarischem Großraum, das reicht. Außer Griechenland, das gibt’s zweimal.

Weiter geht es Richtung Kurpark. Dort kommen Ihnen Kurgäste entgegen, allesamt lächelnd, auf dem Weg der Besserung. Nirgends in Bad Schwartau, nirgends in Deutschland vielleicht, liegen Jugend und Alter so nah beieinander. Auf den Spazierwegen die Kurgäste, auf den Bänken die Jugendlichen mit lärmenden Boxen, von Dosenbier euphorisiert. Woanders würden Sie über die Rentner in Einheitsbeige schmunzeln und die Jugendlichen nervig finden. Hier, im Kurpark, atmen Sie ein. Kirschmarmelade. Die Welt ist so in Ordnung wie ein Sonntagmorgen am Frühstückstisch.

Haben Sie immer noch Lust auf Wasser? Sparen Sie sich den Weg zur Ostsee; die ist jetzt eh zu kalt. Gehen Sie lieber in die Holstein-Therme am Kurparksee. Deren mit Jodsole angereichertes Wunderheilwasser kommt aus einer eigenen Quelle. Aber seien Sie leise, die Ruhe im Becken ist heilig. Springen Sie auch nicht vom Beckenrand, darauf steht Hausverbot.

Um 18 Uhr ist Feierabend in den Schwartauer Fabriken, eigentlich im ganzen Ort. Trinken Sie ein Abschiedsbier im After Eight am Busbahnhof. Die einzige Kneipe, die nachts zuverlässig länger geöffnet hat. Drinnen läuft kein Radio, geredet wird auch nicht. Man hört die Zigaretten der Tresentrinker runterbrennen. Spendieren Sie zum Wohle aller einen Song in der Jukebox. Mit Glück kippt die Stimmung: von Extremlethargie zu Party. Dann grölen Sie mit Marmeladenwerksarbeitern zu Bruttosozialprodukt von Geier Sturzflug, die Stammgäste laden Sie auf einen Doppelkorn ein. Und wenn Sie später aus der verrauchten Kneipe kommen, schütteln Sie Ihre Jacke aus und bemerken den Duft von Pflaume-Apfel mit Zimt in der Luft. Gerade haben sie die Marmeladenproduktion für die Weihnachtszeit angeworfen.