In seinen späten Jahren hat der römische Dichter Horaz jungen Dichterfreunden einige Ratschläge gegeben. Er hat das in Briefform getan, um locker, abwechslungsreich und assoziativ sprechen zu können. So wechselt er lässig plaudernd die Themen, mahnt an, sich nicht mit allzu schwierigen poetischen Aufgaben zu übernehmen, nur über das zu schreiben, was man gut kennt, und sich nicht wie ein Junggenie aufzuführen, das sich Nägel und Bart nicht schneidet, aus Angst, für allzu vernünftig gehalten zu werden.

Horazens De arte poetica hat Nachfolger gefunden, denn seither haben sich Dichter und Schriftsteller in ihren späten Jahren oft in Schulmeister verwandelt, die dem Nachwuchs Wissenswertes und Hilfreiches mit auf den Weg geben wollten. Die Zahl solcher belehrenden Briefe ist noch zur Zeit der deutschen Aufklärung kaum übersehbar, dann nimmt die Fernbetreuung durch ältere Mentoren (eine der Urformen des Creative Writing) etwas ab, bis Rainer Maria Rilke, wie zu erwarten, mit dem Genre tiefen Ernst machte. In seinen Briefen an einen jungen Dichter entwarf er ein anspruchsvolles Programm für einen jungen Verehrer, der sich mit ersten Gedichten an ihn gewandt hatte: "Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt."

Dass ausgerechnet Hans Magnus Enzensberger in seinen späten Jahren auf den Gedanken kommen würde, noch einmal mit Briefen an einen jungen Schriftsteller aufzuwarten, ist vor diesem Hintergrund erstaunlich. Natürlich, Enzensberger ist ein großer Lyriker und sogar einer vom Schlage des Horaz und gewiss keiner aus Rilkes Gefolge. Wie Horaz bleibt er locker und sogar extrem freundlich und verwandelt sich (nach bereits mehreren früheren Büchern unter diesem Pseudonym) in einen pensionierten Grundschullehrer aus Südtirol mit Namen Andreas Thalmayr.

Thalmayr also erhält das Manuskript eines Jungautors und schreibenden Anfängers, bald duzen sich die beiden sogar – und spätestens von da an ist gar kein Halten mehr, und die bekannten Nöte einer Jungautorschaft werden Problem für Problem jeweils in einem Brief abgehandelt. Es geht also um so lebenswichtige Themen wie die Notwendigkeit, sich als Jungautor eine Agentin und einen Steuerberater zu wählen, es geht um Finanzen und erste Verpflichtungen, Mitgliedschaften in Akademien, Filmrechte, Alterskrisen und Nachlässe – und das auf jeweils zwei bis drei Seiten. Das Ganze ist eine Art Schnellkurs, wie man sie Schreibanfängern in wenigen Sitzungen eines landesüblichen Seminars ganz auf der Höhe der Gesetze und Rituale des Literaturbetriebs gegenwärtig an vielen Ecken verabreicht.

Leider passiert dabei aber etwas Seltsames: Andreas Thalmayr macht sich nämlich Brief für Brief immer kleiner, und sein Zögling wächst bereits mit seinem bald erschienenen Erstling in die bedrohlichen Sphären eines Autors, dessen Bücher gleich neben der Kasse liegen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Genres "altväterliche Beratung" haben wir es also mit dramatischen Erfolgen des Nachwuchses von der Art zu tun, die dem Meister über den Kopf wächst.

Ab und zu meldet sich der alte Könner (der längst etwas müde und schließlich ratlos geworden ist) noch mit einem kleinen Wunsch: Der Zögling möge es doch einmal mit einem Gedicht oder einem Drama versuchen und nicht allzu sehr auf die geldbringende Tour des Romans setzen. Anstatt den Ziehvater Enzensberger an dieser Stelle mit klugen Reflexionen zum eigenen Dichten ins Spiel zu bringen, lässt Thalmayr ihn jedoch in seiner Luxusloge stehen und vergibt so eine große Chance. "Alle entscheidenden Fragen sind bei unseren Unterhaltungen am Ende offengeblieben", heißt es daher am Schluss voll bitterer Selbsterkenntnis.

So ist es, sagt sich der Leser, der von Enzensberger etwas ganz anderes erwartet als diesen hinskizzierten und mit einigem Internetwissen aufgepeppten Spaziergang durch die holprigen Ländereien des schreibenden Anfängertums. Leider rächt sich, dass Enzensberger immer nur draußen bleiben, zuschauen und von sich absehen will. Wer so gute Gedichte und Essays geschrieben hat, hätte weiß Gott mehr über das Dichten zu sagen, als nur ein paar Ratschläge zu dessen landläufiger Betriebsorganisation beizusteuern.

Am Ende wird man den Verdacht nicht los, das Genre habe sich insgesamt überholt. Brauchen die Jungautoren noch klug gemeinte Ratschläge der Älteren? Tauschen sie solche nicht ununterbrochen über alle nur denkbaren Kanäle aus? Inzwischen hat sich nämlich viel getan, und unsere Jungautoren halten wöchentlich analog und digital an allen erdenklichen Orten selbst gescheite Poetikvorlesungen – während die liebenswürdigen Alten ihnen zu Füßen sitzen und noch einmal ganz von vorn und von Neuem beginnen. "Was ist ein Bot?", fragen sie lächelnd – und schon kommen die Antworten der Jungen, dreisprachig, ohne Verweise auf früher, aber eins a abgecheckt und gegengelesen von mindestens zwei Computerprogrammen. "Ich habe den Eindruck", sagt Thalmayr am Ende zu seinem erwachsen gewordenen Schüler, "dass Du einen Bademeister wie mich nicht mehr brauchst." Wie recht er doch hat!

Andreas Thalmayr: Schreiben für ewige Anfänger. Ein kurzer Lehrgang. Carl Hanser Verlag, München 2018; 112 S., 16,– €