© Carolin Löbbert für DIE ZEIT

Denken ist ein Raum des Rückzugs, den wir uns schaffen. Sosehr wir in den Schlamassel der täglichen Praktiken verstrickt sind, so nötig ist es, im Nachdenken für einen Moment anzuhalten und die Begriffe genauer zu sortieren, die helfen zu verstehen, was passiert. Es ist ein Wechselverhältnis: Aus dem praktischen Leben entstehen Ideen oder Begriffe, und sie wirken klärend auf das Erleben ein. Nachzudenken ist keine Sache der Spezialisten. Jeder tut es. Wer Abkürzungen sucht, nach dem Motto "in drei Schritten heraus aus der Krise", ist allerdings in der Philosophie am falschen Platz.

Ich glaube ohnehin, dass Menschen vor allem lernen wollen, mit Begriffen umzugehen, um die Welt besser zu verstehen, die sie erleben und erleiden. Durch den Begriff der Entfremdung zum Beispiel lässt sich beschreiben, warum man trotz des modernen Versprechens, autonom oder frei zu sein, das Gefühl haben kann, durch Zwänge bestimmt und getrieben zu sein. Begriffe wie Ausbeutung können erschließen, warum auch an Verhältnissen, die auf den ersten Blick nicht nach Raub und Gewalt aussehen, etwas schief ist. In solchen Begriffen lässt sich eine eigene Erfahrung wiedererkennen, und vielleicht öffnen sich so Möglichkeiten, sie mit anderen zu teilen oder sogar gemeinsam zu handeln. In jedem Fall kann das Denken die Verhältnisse in Bewegung bringen. Es entzieht sie der Fraglosigkeit und macht sie neu zugänglich. Begriffe nehmen Einfluss und sind beeinflussbar.

Das heißt für mich gegenwärtig: Ich denke zum Beispiel darüber nach, was Solidarität heißen kann, im Unterschied zu bloßem Mitleid oder asymmetrischer Hilfe – sie lässt sich als ein Ausdruck gemeinsamer Handlungsfähigkeit auffassen. Außerdem versuche ich gegenwärtig, in einem Buch den Begriff des Fortschritts wiederzubeleben, ich bin in der Schlussredigatur. Ich meine, der Begriff des Fortschritts wurde allzu leicht verabschiedet, auch weil in seinem Namen Unterdrückung und Grausamkeit gerechtfertigt wurden. Mich interessieren die Kriterien, nach denen sich Entwicklungen fortschrittlich nennen lassen oder eben umgekehrt: regressiv, rückschrittlich.

Die Abnahme von Gewalt gegenüber Kindern zum Beispiel gehört bei allen Rückschritten, die wir erleben, gewiss zu den großen Fortschritten, die nicht leicht umkehrbar sind. Kaum jemand würde bestreiten, ähnlich wie bei der Abschaffung der Sklaverei, dass darin ein Fortschritt liegt. Aber auch die heutige Rechtslage zur Vergewaltigung in der Ehe bedeutet einen Sprung, der von den Zeitgenossen als solcher erlebt wird. Das wäre mein Kriterium: Es gibt einen sich historisch anreichernden Prozess der Erfahrungen, der in einer Gesellschaft als Fortschritt verstanden wird. Umgekehrt fasse ich Regression als eine unangemessene Reaktion auf Krisen auf, man könnte von einer Erfahrungsblockade sprechen.

Als Sozialphilosophin glaube ich allerdings nicht, dass es "einfache Tatsachen" gibt, die den Fortschritt beweisen, wie sie zum Beispiel der Psychologe Steven Pinker vorlegen will. Was etwas in der sozialen Welt bedeutet, lässt sich nicht unter dem Mikroskop erkennen. In der sozialen Welt gibt es das Wirkliche nur in Interpretationen, und die sind immer umstritten, durch Normen und historische Erfahrung geprägt. Trotzdem hat die Realität etwas an sich, das sich weder leugnen noch erfinden lässt. Sie ist eine Wahrmacherin.