"Oh Gott, ich muss noch das machen, das machen, das machen ..."

"Seit Neujahr waren die Prüfungen die ganze Zeit in meinem Kopf. Fünf Wochen vor den Klausuren dachte ich: 'Oh Gott, ich muss noch das machen, das machen, das machen …' Dieses Gedankenkarussell hat nicht mal abends im Bett aufgehört.

Das bloße Wort 'Abitur' reichte schon, um mich zu stressen. Ich war durchgängig angespannt und konnte nicht abschalten. Beim Lernen für Bio hatte ich den Todesstress, saß am Schreibtisch und habe geweint: "Es ist zu viel. Das passt nicht alles in meinen Kopf rein."

Bei meinen Leistungskursen war das anders, in Deutsch und Englisch. Da hatte ich nicht so viele Lernzettel. Aber die Vorbereitung für Bio war wirklich grässlich.

Irgendwann hatte ich einfach keinen Bock mehr. Ich habe mich gefragt: 'Warum mach ich mich so fertig?' Mir wurde klar, dass es auch einfach noch anderes auf der Welt gibt als Schule, und ich fing an, regelmäßig Pausen zu machen. Ab da wurde es erträglicher.

Heute vermute ich, dass der Stress durch meine Erwartungen kam. Ich wollte den bestmöglichen Schnitt rausholen, Hauptsache, was mit einer Eins vor dem Komma. Gerade wenn man noch nicht weiß, was man studieren möchte, will man sich alle Möglichkeiten offenhalten. Der Lernstress wird dadurch verstärkt, dass man mitbekommt, wie viel die Mitschüler lernen. Manche haben zweieinhalb Monate vor mir angefangen.

Geärgert hat mich auch, dass in der Schule gar keine Alternativen zum Studium angesprochen wurden, eine Ausbildung etwa. Es kam rüber: Ohne Abi steht ihr doof da.

Von meinen Eltern gab es gar keinen Druck, die waren wirklich lieb, gerade bei meinen Zusammenbrüchen. 'Selbst wenn du Bio verhaust, du wirst deinen Weg finden', sagten sie. Das war die größte Hilfe.

Mein Schnitt lag dann bei 1,8. Das reicht für das, was ich studieren will: etwas mit Literatur und Sprache."

Mathilde Winterkemper, 19, hat 2017 in Münster Abitur gemacht. Sie will jetzt Anglistik studieren