Zeitverschiebung

Ich beginne meinen Tag um 6.30 Uhr. Mit einer Tasse Kaffee setze ich mich an den Computer und überfliege die zahlreichen E-Mails. Viel mehr werden es nicht werden, in Deutschland ist es mittlerweile 15.30 Uhr. Ich liebe die kompakte Nachrichtenfülle und frage mich, warum ich es in Berlin nicht hinbekomme, die Nachrichten alle zeitversetzt erst nach neun Stunden zu lesen. Ab sieben Uhr telefoniere ich. Mit meinem Büro in Berlin, mit vielen anderen. Um neun Uhr bin ich mit den Telefonaten durch, um elf Uhr habe ich meine deutsche Arbeit meist ganz erledigt. Das liegt auch an der Evaluation, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) gerade hinter sich hat. Sie ist sehr gut ausgefallen, alle können etwas Luft holen. Es ist eine gute Zeit, in der Ferne zu sein. In den ersten Wochen sind viele Stunden offen, können frei eingesetzt werden, so wie ich es will. Keine E-Mails, keine Anrufe tagsüber. Nach zwei Monaten ändert sich das. Ab neun Uhr trudeln jetzt E-Mails aus den USA ein. Ich bin angekommen, die Vernetzung hat geklappt: Jetzt kenne ich sie, die Forschenden der vielen umliegenden Universitäten und die Mitarbeiterinnen der vielen NGOs, die am Thema Wohnungsarmut arbeiten.

Kulturtechniken

© Jutta Allmendinger

Die ersten Wochen als Fellow des Thomas-Mann-Hauses (TMH) durfte ich mit dem Literaturwissenschaftler Heinrich Detering verbringen. Als ich spät von einem Abendessen zurückkomme, ist das Haus hell erleuchtet, auch am nächsten und übernächsten Abend brannten die Lichter. Schließlich sagte Heinrich: "Jutta, kannst du bitte die Lichter löschen, ich beherrsche diese Kulturtechnik nicht." Auch für mich waren die Schalter ungewohnt: Jeder hat gleich vier Funktionen. Besonders irritierend: Das Licht geht zeitversetzt aus. Erwartet man das Dunkel zu ungeduldig, knipst und knipst, bleibt es einfach hell. Aber es sind nicht nur die Schalter. Auch die Küchenmaschinen dirigieren uns durch zahlreiche Funktionen und verwandeln uns von einfachen Nutzern in Bittsteller. Dabei wollen wir einfach nur eine schnelle Tasse Kaffee.

Besucher

Thomas Mann ist in der Nachbarschaft kaum bekannt. Wenige Nachbarn des TMH haben seine Bücher gelesen, kein Handwerker hat je von ihm gehört. Alle aber spüren die Andacht der zahlreichen deutschen Besucher. Diese haben lange Anfahrtswege hinter sich, nun stehen sie am Zaun und wollen ins Haus. Das aber ist noch nicht fertig. Arbeiter wuseln herum, ein Rundgang wäre zu gefährlich. Die Besucher sind enttäuscht, zeigen wenig Verständnis. Um sich Eintritt zu verschaffen, bitten sie nicht um eine Ausnahme, die wir oft machen. Die meisten argumentieren anders und berufen sich auf ihre Herkunft: "Ich bin Deutscher, Thomas Mann ist Deutscher, das TMH gehört Deutschland. Also darf ich eintreten." In der Fremde werden Deutsche zu Deutschen. Oder halten sie es mit Thomas Manns berühmt-rätselhaftem Satz "Wo ich bin, ist Deutschland"?

Haustiere

© Jutta Allmendinger

Seit über einer Stunde steht eine Art Lieferwagen vor der Tür, der Dieselmotor brummt. Ich lese die Aufschrift: "Pampered tails". Eine Haustierwaschanlage. Wie die Müllabfuhr fährt das Auto von Straße zu Straße und wird gut frequentiert. Hunde, Katzen, Vögel, ja Hühner werden gebracht. Den Tieren werden die "Haare" gemacht – sie werden gewaschen, geföhnt, gekämmt, sogar gefärbt. Um Tiere geht es hier häufig. Am nächsten Tag kommt der Kammerjäger ins Haus. Die Ameisenprophylaxe steht an. Wenige Tage später lade ich neue Bekannte zum Abendessen ein. Ich setze das Essen für den frühen Abend an, sie hatten immer von ihren "Kids" gesprochen. Ich besorgte Eis, Spaghetti, ganz klassisch. Die beiden neuen Bekannten kommen dann aber allein. Ich hatte das falsch verstanden: Die Kids sind ihre Haustiere. Meine Menüauswahl ist mir nun peinlich. Insbesondere wird mir hier aber klar, wie wichtig Haustiere, vor allem Hunde, für das Gemeinwesen sind. Um 17 Uhr, wenn die Sonne sich langsam neigt, werden sie ausgeführt. Dann trifft man sich, plaudert miteinander, erzählt sich die Neuigkeiten. Wie es Ben Affleck geht, wie Goldie Hawn. Ob die Eulen auch in diesem Jahr wieder genistet haben, welcher Eukalyptusbaum so morsch geworden ist, dass sein Öl zum Brandbeschleuniger wird. Auch die Alten und Kranken werden integriert. Der Alzheimer-Patient wird um 17 Uhr auf das Dock vor dem Haus geführt. Dort grüßt er alle und wird gegrüßt. Hunde sind hier irgendwie das, was in meiner Jugend Zigaretten waren. Sie geben Anlass zum Kontakt.

Verkehr

© Jutta Allmendinger

Thomas Mann lebte im Grünen, in einer Villengegend. Ohne Auto geht hier nichts, dachte ich. In Los Angeles gelandet, stand ich mit dem Auto erst mal im Stau. Vielspurige Autobahn, eine yellow lane ganz links, für Autos mit zwei und mehr Personen. Sie war fast frei. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht. Oder doch? Ich versuche es. Ich laufe ein paar Minuten zu Fuß, der Bus kommt auf die Minute. Er bringt mich zu der Einkaufsstraße in Pacific Palisades. Die Fahrt kostet 75 Cent, Kreditkarten werden nicht akzeptiert, wenn man es nicht passend hat, gibt es kein Geld zurück. Ich zahle mit einem Fünf-Dollar-Schein, kleiner habe ich es nicht. 4,50 Dollar sind futsch. Im sehr sauberen Bus sitzen außer mir zwei Mexikanerinnen, sie arbeiten in den Häusern der Gegend.

Ich beschließe, einen zweiten Bus zu nehmen. Komme ich nach unten zum Pazifik? Auch der zweite Bus ist pünktlich, betrieben wird er von einer anderen Firma. Auch hier gibt der Fahrer kein Wechselgeld, bringt mich aber als einzigen Fahrgast direkt zum Strand. Ein Autoparkplatz hätte 15 Dollar gekostet, mindestens. Ich bin glücklich: Zeit, Nerven und Geld gespart. Geht doch. Die Amerikaner fluchen über das nicht ausgebaute öffentliche Verkehrssystem, ignorieren dabei aber die Busse und Bahnen. Sie reden ständig vom Verkehr und tragen ihr Bestes dazu bei, den Stau noch länger und hartnäckiger zu machen. Auf der Rückfahrt vom Strand bin ich mit Münzen gut ausgestattet. Der Busfahrer winkt mich durch. "Sie haben ja vorhin fünf Dollar gezahlt", sagt er und fährt los.