Während am vergangenen Sonntag in Dresden über 10.000 Menschen den vierten Pegida-Geburtstag mit der wohltuenden Gegendemonstration "Herz statt Hetze" flankierten und auf diese Weise dem Rest des Landes vermitteln konnten, dass Sachsen vielleicht doch noch nicht ganz verloren ist, geschah das für mich auf gänzlich andere Weise an einem gänzlich anderen Ort – ich war unter "Wolksern" unterwegs.

Wolkser – so nennen sich die Einwohner des Dörfchens Liebertwolkwitz, eines hübschen, ländlich geprägten Ortsteils Leipzigs, 14 Regionalbahn-Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, wo man nicht ganz zu Unrecht behauptet, man habe das hübscheste Rathaus Sachsens. Rund um dieses Rathaus war am Wochenende eine andere Art von Hoffnung machender Begebenheit zu erleben. Dabei hatte das alles mit Pegida gar nichts zu tun. Oder doch?

Um die Verbindung herzustellen, bedarf es einer kleinen Zeitreise: Die Völkerschlacht von 1813 liegt nun 205 Jahre zurück. Liebertwolkwitz feierte – und reiste dafür zurück in die Tage der Schlacht gegen Napoleons Armee, die in dieser Gegend ausgetragen wurde. Gefeiert wurde natürlich nicht der Krieg, sondern die Erinnerung. Die Erinnerung daran, wie der Krieg die Bevölkerung inmitten von Zerstörung und Unglück zurückließ, wie die Zeit danach aber auch den Wiederaufbau beflügelte und die Menschen die Hoffnung lehrte, dass alles wieder gut oder sogar besser werden könne.

Das gesamte Dorf machte mit – vom Schulkind, das in historischem Kostüm Kreisel peitschte, bis zum freundlichen Ortsvorsteher, der stattlich und lächelnd auf der Bühne agierte. Als ich mit Roland Geistert, der bei dieser Feier perfekt sein Amt als Ortsvorsteher mit der Rolle des Liebertwolkwitzer Bürgermeisters zu Völkerschlachtzeiten zu vertauschen wusste, auf dem Marktplatz plauderte, schritt gravitätisch ein kleiner Herr mit einem Zweispitz auf dem Kopf an uns vorbei – huldvoll grüßend. "Das war Napoleon!", lachte Geistert und erzählte – nicht ohne Stolz in der Stimme – von den 400 Einwohnern, die zum Gelingen dieses Festes beitragen, von den 22 aktiven Vereinen im Ort.

Natürlich lässt sich dabei nicht ausblenden, was auch er weiß: dass bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr auch in Liebertwolkwitz sehr viele Zweitstimmen für die AfD abgegeben wurden. Zu viele. Geistert hatte bis zuletzt gehofft, es würde anders kommen. Die Atmosphäre im ländlichen Raum, wo so wenige junge Menschen mit Kindern leben und das Gefühl vorherrscht, von der großen Politik im Stich gelassen zu werden, bleibt in ganz Sachsen ein Problem. Und nicht nur dort.

Doch das "Dorf 1813"-Fest ist mittlerweile nicht nur zur festen Tradition, sondern es ist für die Einwohner von Liebertwolkwitz sinn- und identitätsstiftend geworden – dank des beispielhaften bürgerschaftlichen Engagements.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Jung wie Alt in Gewändern des 19. Jahrhunderts durch die Gassen flanieren, mit welch freundlicher Gelassenheit altes Handwerk präsentiert und an fast jeder Ecke musiziert wird, ist ergreifend. Auch die Schauspielfreude der ortsansässigen Laiendarsteller, die nachgestellten Gerichtsverhandlungen von damals oder ähnliche geschichtsträchtige Szenen kommen beim Publikum gut an und werden mit heftigem Applaus belohnt.

Hinzu kommt, dass trotz der großen organisatorischen und geradezu geschäftsmäßigen Professionalität der Akteure das Fest nicht den andernorts oft üblichen Event-Charakter aufwies. Nicht jenen schalen Beigeschmack, dass aller Trubel und Aufwand in erster Linie einem Zweck dienen: dem guten Geschäft, dem Kommerz. Das tat dem Dorffest und seiner Atmosphäre überaus gut.

Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, dass man in Liebertwolkwitz viel richtig machte an jenem vielleicht letzten milden, sonnigen Herbstnachmittag dieses Jahres. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es mir wichtig erscheint, dass gelebte Heimatliebe und das selbstverständliche Zeigen der Symbole eines Landes wie etwa die Fahne, dass die Vermittlung der Geschichte auch vor dem 20. Jahrhundert nicht der AfD und ihren "natürlichen" Satelliten wie Pegida überlassen wird.

Ich sage das hier bewusst, obgleich ich kein Fan von nachgestellten Gefechten, Militäraufmärschen oder Mittelaltermärkten bin. Wenn man das Feld deutscher Traditionen allzu bereitwillig den Rechten überlässt und alle Geschichtsfeierei als lächerliche Folklore abtut, begeht man meines Erachtens eine Unterlassungssünde.

Weder die Barbarossa-Sage noch der Kyffhäuser gehören allein Björn Höcke.

Keine Frage: Wir sind zu Hause in schnelllebiger, von der Digitalisierung geprägter Zeit. Aber dass Menschen in einer freundlichen Gemeinschaft am besten gedeihen, dass sie sich wohlfühlen, wenn sie etwas tun, sich für etwas engagieren, das ihnen lohnenswert erscheint, und sich für ihre Herkunft interessieren – das ist ein alter, aber wahrer Hut.

Die Liebe und die Nähe zum Lebensmittelpunkt kann Menschen retten. Wenn sie nicht zur Spießigkeit und zum Gedeihen der Spezies des Blockwarts verkommt.

Die Kunst, dies in ständiger Balance zu halten, gilt es, zu üben und zu kultivieren. Dass man das in Sachsen überhaupt nicht mehr versuche, stimmt nicht. Möge dies im kleinen Liebertwolkwitz – und anderswo – auch in Zukunft gelingen.