Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Eine öffentliche Nachricht an mich auf Twitter: "Geh mal zum Konsulat. Wir wollen etwas ausprobieren." Darunter ist mein Name verlinkt. Eine Einladung zum Tod mit Anspielung auf Jamal Khashoggi.

Der Einladende hielt es nicht für nötig, anonym zu bleiben. Auf seinem Twitteraccount präsentiert er sich als Social-Media-Mann eines Mafiabosses. Dieser drohte 2016 den 1.128 Akademikern, die in der Türkei eine Friedenspetition unterzeichnet hatten: "Wir werden euer Blut in Strömen fließen lassen und darin duschen." Unter besagter Einladung zum Konsulat twitterte der Kommentator eines regierungsnahen Fernsehsenders: "Neue Ogün Samasts stehen bereit. Eines Tages wird unvermutet getan, was nötig ist." Ogün Samast tötete vor elf Jahren in Istanbul den Journalisten Hrant Dink mit einem Kopfschuss.

Im Grunde muss ich beiden Twitterern danken: Selbst wenn ich mir die Finger wundgeschrieben hätte, so deutlich hätte ich niemals ausdrücken können, wie ähnlich das türkische und das saudische Regime mit Dissidenten umgehen.

Sie fragen sich, woher die den Mut nehmen? Von der Regierungspolitik der Straflosigkeit. Wegen der beiden Morddrohungen auf Twitter wurde rein gar nichts unternommen. Und was geschah wohl 2016 nach der Drohung, "in Strömen Blut fließen zu lassen"? Freispruch für den Mafiaboss, die Worte wurden als "Meinungsfreiheit" gewertet. Die Unterzeichnenden der Friedenspetition aber allesamt entlassen, einige wegen "Propaganda für eine Terrororganisation" verurteilt, die meisten Verfahren laufen noch.

Im Mai 2016 wurde vor dem Gerichtsgebäude, auf dem wohl am stärksten überwachten Platz Istanbuls, ein Attentat auf mich verübt. Der Attentäter, der sich später als Getreuer eines anderen Mafiabosses herausstellte, trat auf mich zu und gab zwei Schüsse ab. Er verfehlte mich, doch eine Kugel traf einen Kollegen, der mich schützen wollte, ins Bein.

Die Folge für den Attentäter? Nach fünf Monaten in Untersuchungshaft kam er frei und erhielt seinen Pass zurück. Am Ende verurteilte das Gericht ihn zu einer Geldstrafe von 690 Euro, die aufgrund seiner finanziellen Lage auf 20 Raten aufgeteilt wurde. In der Türkei ist das der Preis dafür, auf einen Journalisten zu schießen.

Würden Sie unter diesen Bedingungen nicht zum Helden werden wollen, indem Sie jenen Journalisten erschießen, den der türkische Präsident auf einer Pressekonferenz in Deutschland der Spionage bezichtigte? Der Belohnungsmechanismus für Attentäter ermutigt potenzielle Mörder, viele aufs Korn genommene Journalisten aber drängt er ins Schweigen. Könnte es eine effektivere Medienkontrolle geben?

Finden Sie es glaubwürdig, wenn jene, die ihre Widersacher in ein türkisches Konsulat in Deutschland bitten, jene verurteilen, die ihre Gegner im saudischen Konsulat in der Türkei beseitigen? Der türkischen Polizei gelang es in elf Jahren nicht, das Beziehungsgeflecht hinter dem Mord an Hrant Dink aufzuklären. Vertrauen Sie deren Ermittlungen im Fall Khashoggi?

Heuchler glauben, sie könnten ihre beiden Gesichter verbergen. Wir sehen aber beide deutlich.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe