Seit Jahrzehnten steht Uli Hoeneß in der Öffentlichkeit, und schon jetzt ist absehbar, wie wir ihn, sollte er einst aus ihr verschwinden, in Erinnerung behalten werden. Wir werden uns an einen wütenden Mann erinnern.

Jetzt hat er in München eine Medienkonferenz einberufen, mit dem einzigen Zweck, den Anwesenden sein Misstrauen und seine Verachtung auszusprechen. Es war die Aufkündigung einer Arbeitsbeziehung (also etwas, worin er Übung hat, auch wenn es normalerweise eher Trainer und Spieler sind, denen er kündigt). Als er, flankiert von dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge und dem Sportdirektor Hasan Salihamidžić, vor die Presse trat, war sein Gesicht eine einzige Drohung. Man hätte sich nicht gewundert, wenn er nach seinen ersten Worten Befehl gegeben hätte, die Türen des Presseraums zu verriegeln, damit das herbeigerufene Medienpack nicht so einfach entkommt.

Dies war mehr als eine Verlautbarung. Die bizarre Stunde hatte etwas von einer Bestrafung: Ihr kommt hier erst wieder raus, wenn wir es euch heimgezahlt haben. Fast erinnerte Hoeneß an den Froschhüpfer, jene unheimliche, zähneknirschende, von Edgar Allan Poe ersonnene literarische Narrengestalt, die eine Gruppe verhasster Höflinge frohgemut zusammenruft, um sie einzusperren und sich fürchterlich an ihnen zu rächen.

Das Folgende wurde dann aber doch nicht ganz so unheimlich, sondern eher peinlich.

Die Münchner Schluss-mit-der-Presse-Konferenz war eine der buntesten Fußball-Veranstaltungen, an die man sich erinnern kann, eine Toren-des-Jahres-Parade, an der auf lange Zeit kein Comedian vorbeikommen wird. Schlecht vorbereitet, in der bebenden Euphorie der gemeinsamen Wut vollzogen, mit sachlichen Fehlern versehen, gipfelte die Show der drei dicken Hosen in folgender Paradoxie: Erst reklamiert Rummenigge Artikel 1 des Grundgesetzes für die Spieler seiner Mannschaft (die Würde des FC Bayern ist unantastbar). Und Minuten später startet Hoeneß einen Hooligan-Angriff auf die Würde des ehemaligen Bayern-Spielers Juan Bernat, dem er hinterherruft, er habe einen "Scheißdreck" gespielt und um ein Haar im Alleingang eine ganze Champions-League-Saison des Vereins ruiniert.

Was hier ausgerufen wird, ist ein Königreich der Selbstgerechten – komplett mit eigener Verfassung (die Würde des Menschen ist von Uli antastbar) und zentral gelenkten Presseorganen. Das Motto der Münchner Vorstellung stammt von Oscar Wilde und lautet: Moral ist etwas, womit wir Leute peinigen, die wir nicht leiden können. Hoeneß, Rummenigge und Salihamidžić wählen als Hauptadressaten ihrer Wut just jene verachteten Vertrauten, mit denen der FC Bayern oft reibungslos kooperiert, hat, nämlich "die Herren" von der Springer-Presse.