In Iowa steht der Republikaner Donald Trump und spricht über den politischen Gegner: "Die Demokraten sind – um ehrlich zu sein – zu gefährlich geworden, um zu regieren. Sie sind verrückt geworden." Sein Zeigefinger wandert an die Schläfe wie eine Pistole. "Man gibt die Macht keinem bösen, linken Mob."

In Pennsylvania steht der Demokrat Eric Holder, einst Obamas Justizminister, und spricht über den politischen Gegner: "Wenn die immer tiefer sinken, dann treten wir sie." Bei mehreren Demokraten und dem Sender CNN gehen Pakete ein, die der Secret Service als Paketbomben bezeichnet, das Präsidialamt spricht von Terror.*

So klingt der Wahlkampf in den USA im Herbst 2018. Brutale Rhetorik prägt die Stimmung, in der die Amerikaner in zwei Wochen ein neues Parlament wählen, ein trauriges Resultat des viel beschriebenen Zerfalls der USA in zwei verfeindete Stämme, deren Hass auf den jeweils anderen größer ist als die Liebe zu dem einen Amerika. Es ist eine groteske Entwicklung, denn die Gründung der Vereinigten Staaten vor 242 Jahren sollte genau das Gegenteil beweisen: dass ein Zusammenleben ohne Stammesfehden möglich ist, wenn der einzelne Mensch ins Zentrum rückt, nicht Religion oder Ethnie. Einmal schon ist dieses Projekt fürchterlich gescheitert, die Sklavenfrage führte das Land in einen zerstörerischen Bürgerkrieg. Droht den USA nun wieder die Eskalation?

Der Mann, der Amerika für einen kurzen Sommer die Hoffnung gab, dass noch nicht alles verloren ist, dass die Spaltung des Landes überwunden werden kann, dieser Mann sitzt in einer Zigarrenbar in der New Yorker Bronx und bläst gelassen den Rauch seiner Zigarre aus.

Hawk Newsome ist eine beeindruckende Erscheinung. Geschätzt zwei Meter groß, durchtrainiert, tiefe Stimme. Sein rot-schwarz-grünes Black-Lives-Matter-T-Shirt und die schwarze Jeans trägt Newsome wie eine Uniform. Nichts an ihm ist zweideutig. Hier sitzt ein schwarzer Kämpfer, 41 Jahre alt, Jurastudium, Präsident von Black Lives Matter Greater New York, der Polizeibrutalität gegen Schwarze anprangert.

Newsome gehört zu dem, was Donald Trump den "linken Mob" nannte, gegen den seine Leute sich zur Wehr setzen sollten, wenn sie ihm einmal begegnen würden. Als sie dann aber tatsächlich auf Newsome trafen, vor einem Jahr, kam alles ganz anders.

Newsome erzählt, wie er gemeinsam mit sechs Aktivisten-Freunden auf einer Pro-Trump-Demonstration protestierte. Zuerst sah es so aus, als würde diese Konfrontation den üblichen Regeln folgen. Newsome und seine Leute riefen: "Black lives matter!", und die Trump-Leute schrien zurück: "All lives matter!" Und: "Wenn euch Amerika nicht gefällt, dann verschwindet doch!" Die gewaltsame Nazi-Demo in Charlottesville war da erst einen Monat her, Newsome hatte dort an vorderster Front gestanden und rechnete damit, dass auch hier beim New Yorker Protest die Stimmung gleich kippen werde.

Doch dann passierte etwas Überraschendes. Newsome und die sechs anderen Aktivisten wurden vom Sicherheitspersonal auf die Bühne gebeten. Das Publikum buhte und pfiff. Bis der Organisator der Demonstration, Tommy Gunn, eine konservative Internet-Berühmtheit mit dem Künstlernamen "The Pissed off American", der zornige Amerikaner, ihnen zurief: "Ihr wisst ja, diese Demo ist dazu da, die politische Gewalt zu beenden. Es geht um die Meinungsfreiheit." Dann gab er Newsome das Mikrofon.

Newsome stand plötzlich neben einem Trump-Pappaufsteller und war sich für einen Moment nicht ganz sicher, welchen Ton er anschlagen sollte. Vor ihm standen seine Feinde, Rassisten, denen das Leben von Weißen mehr wert ist als das von schwarzen Menschen. So sah er das, eigentlich. Aber nun ließen sie ihn sprechen.