Fast lautlos schweben die eleganten Fluggeräte über Hochhausschluchten. Sie stoppen an futuristischen Terminals, nehmen Geschäftsleute an Bord und setzen sie ein paar Kilometer weiter wieder ab. Es ist die faszinierende Vision eines sauberen und reibungslosen Nahverkehrs – ohne Hektik, Staus oder überfüllte U-Bahnen. Auf YouTube werden diese Videos millionenfach geklickt.

Denn die Werbeclips treffen einen Nerv. 41 Prozent der Deutschen würden laut einer Umfrage gern mal in ein Flugtaxi steigen. Und die CSU-Fraktion im Münchner Stadtrat hat Anfang Juli beantragt, beim Neubau des Hauptbahnhofs gleich "dafür zu sorgen, dass eine geeignete Fläche so gestaltet wird, dass darauf Flugtaxis starten und landen können".

Lange galt so etwas als Science-Fiction. Seit einigen Jahren aber machen Fortschritte in der Batterie-, Sensor- und Computertechnik das elektrische Fliegen auf Kurzstrecken möglich. Start-ups wie Lilium, Ehang, Kitty Hawk oder Vahana sammeln derzeit Hunderte von Millionen Dollar Wagniskapital ein. Im kalifornischen Silicon Valley, in China, Japan und Europa wird an Fluggeräten für den innerstädtischen Verkehr gearbeitet. Fast alle Prototypen folgen dem gleichen Prinzip: Sie sollen senkrecht starten und landen und werden von Elektromotoren angetrieben. Manche haben auch zusätzliche Flügel für längere Strecken.

Sind Flugtaxis also eine echte Option, können sie andere Verkehrsmittel tatsächlich irgendwann ersetzen oder sinnvoll ergänzen? Für Alexander Zosel ist das keine Frage. Der Gründer der Firma Volocopter mit Sitz in Bruchsal hat das erste Einsatzfeld bereits im Blick: "Wir könnten schnell mit Verbindungen zwischen Flughäfen und Innenstädten beginnen." Soeben hat Volocopter bekannt gegeben, nächstes Jahr eine öffentliche Testserie seiner Lufttaxis in Singapur zu starten. Das dortige Verkehrsministerium unterstütze die Pläne. Man wolle "jedem Menschen den Traum vom Fliegen ermöglichen und modernen Städten helfen, ihre wachsenden Mobilitätsprobleme zu lösen", heißt es auf der Volocopter-Website.

Mangelnde Visionen kann man Alexander Zosel jedenfalls nicht vorwerfen. Der Mann aus dem badischen Ettlingen gilt als Multitalent, war Basketballer, Gründer einer DJ-Schule und Erfinder einer Kunstnebelanlage – bis er zusammen mit dem Informatiker Stephan Wolf die Firma Volocopter gründete. Die Flugtaxi-Pioniere entwickelten eine Art überdimensionale Version jener Spielzeugdrohnen, die es inzwischen in jedem Elektronikmarkt zu kaufen gibt. Dabei halten 18 ringförmig angeordnete Rotoren eine aus Karbon gefertigte Kabine mit zwei Sitzen in der Luft.

Ende 2011 wagten die Volocopter-Gründer den ersten bemannten Flug, eine Weltpremiere. Der Pilot ließ sich 90 Sekunden lang von dem Prototyp ein paar Meter hoch in der Luft halten. Ein großer Gymnastikball an der Unterseite sollte die Wucht eines Absturzes abfedern. Doch die Landung war weich. Nach fünf Jahren technischer Detailarbeit erhielt Volocopter im März 2016 die weltweit erste Fluglizenz für den bemannten Betrieb eines elektrischen Senkrechtstarters. Im vergangenen Jahr schickte Zosel sein Gerät auf einen Testflug über Dubai. Dabei navigierte das Flugtaxi selbstständig zwischen den Wolkenkratzern der Wüstenmetropole – ohne Pilot, aber auch ohne Passagiere. In Werbefilmen malt die Firma die Zukunft der Flugtaxis rosig aus: "Diese Verkehrssysteme werden für jedermann nutzbar sein", heißt es dort vollmundig, "kein Stau, keine Lautstärke, keine Umweltbelastungen. Die Kosten sind dabei nicht viel größer als bei Taxis am Boden."